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Pfade

Weshalb ich „die Geschichte“ nie los werde. Ich spreche hier von meiner Familiengeschichte, meinem geistigen Erbe. Aber von vorne: Ich bin ein komplexes Wesen, keine Frage, auch meine Eltern waren das. Als komplexe Wesen unterliegen wir den Gesetzmäßigkeiten für komplexe Wesen, unter anderem der Pfadabhängigkeit. Das zeitliches Verhalten komplexer Systeme ist nicht nur vom aktuellen Zustand, sondern auch von der Vorgeschichte des Systems abhängig.

Damit werden prozesshafte Entwicklungen beschrieben, deren Verlauf einem Pfad ähnelt. Wie bei einem Pfad gibt es Anfänge und Kreuzungen, an denen mehrere Alternativen zur Auswahl stehen. An diesen Kreuzungspunkten verhalten sich pfadabhängige Prozesse nicht deterministisch, sondern chaotisch. Ein kleiner Einfluss kann hier einen großen Effekt haben und zu einem ganz anderen Ausgang führen.

Nachdem sich eine bestimmte Alternative etabliert hat, folgt eine stabile Phase. Positive Rückkopplungs­effekte verstärken den eingeschlagenen Pfad, zum Beispiel in der Wirtschaft oder auch im gesellschaftlichen Leben. Wir kennen alle solche positiven Feedback-Effekte. Kleinere Einflüsse bewirken kaum mehr eine Richtungsabweichung. Waren andere Alternativen am Kreuzungspunkt noch relativ mühelos erreichbar, wird ein bewusstes Umschwenken in der stabilen Phase deutlich aufwendiger.

Als ich begann, mich mit der Geschichte meiner Eltern auseinanderzusetzen, irritierte mich, wenn Mitarbeiter in den KZ-Gedenkstätten oder diejenigen, die sich schon länger damit beschäftigten, immer wieder sagten, dass ich das nicht los werden würde. Was ich zum einen nicht lustig fand, sich zum anderen aber bestätigte.

Diese Pfade haben jedoch Abzweigungen und Kreuzungen. Das sind genau die Punkte, an denen der Prozessverlauf chaotisch wird. Hier entscheiden wir uns, in diesem Falle ich, welche Abzweigung ich nehme und welche Richtung ich einschlage. Wenn ich in meinem Leben zurückschaue fange ich das Grinsen an, zu deutlich sind diese Punkte und das Chaos, in dem ich da gelebt hatte.

Es waren ganz klare Punkte, die eine Entscheidung von mir erwarteten. Das Dumme war nur, dass ich mir der Zusammenhänge überhaupt nicht bewusst war. Und deshalb habe ich wohl auch die eine oder andere falsche Entscheidung getroffen. Aber nun gut, so war es eben. Ich kann zwar zurückblicken, aber nichts ändern, aber ich kann jetzt und in der Zukunft hilfreiche Entscheidungen treffen; Entscheidungen, die nichts ausblenden.

Wie ich mich entscheide, ist zum einen nicht festgelegt, aber meine Entscheidungen bauen zum anderen auf dem bisherigen Verlauf auf. Ich bin also frei, mich zu entscheiden wie ich will, aber nicht frei von der Geschichte, hier der meiner Familie. Mir fällt da gerade die Situation eines Bekannten ein, der hat seine Geschichte, er ist mit einer verkümmerten Contergan-Hand geboren worden, keine Finger, nur 1 Zentimeter lange Ansätze, zu seiner Erfolgsgeschichte gemacht. Er fährt faszinierend Motorrad, ist ein sehr guter Handwerker, schraubt alles selber – und ist auch noch beruflich richtig erfolgreich.

Mir hat er einmal erzählt, er habe aus seiner Geschichte seine Erfolgsgeschichte gemacht. Er hat ganz offensichtlich die richtigen Entscheidungen getroffen. Ich bewundere ihn, er versetzt mich immer wieder in Erstaunen, und auch wenn meine Geschichte eine ganz andere ist, habe ich ihn mir zum Vorbild genommen.

Da fällt mir immer diese Ch’an-Geschichte ein, ich weiß leider nicht mehr, von wem sie ist: „Unsere tiefste Essenz ist uns von Natur aus gegeben; ursprünglich gehört sie nicht der Domäne der Verwirklichung an; wie könnte sie also verloren gehen.“ Diese tiefste Essenz ist also nicht, was mich glücklich macht und was nicht, sondern die Fähigkeit, auch mit den widrigsten Umständen „umgehen“ zu können.

Veröffentlicht in Allgemein

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