Zum Inhalt springen →

Persönliches

Ich bin in das Familiennarrativ des Schweigens hineingeboren und -gewachsen. Erst spät habe ich die Bedeutung der Tatsache erkannt, dass mein Vaters in der Zeit 1933 – 1945 in Berlin mit Rostock, Zukschwerdt und Kalk zusammen gearbeitet hat. Aus einer Familienaufstellung wusste ich zwar, dass „da etwas war“, nur ich suchte nicht wirklich weiter, sondern ließ den Schleier der Unklarheit zu.

Noch viel später habe ich damit begonnen, mich mit einer sehr wichtigen Frage zu beschäftigen: Es ist die Frage, ob Schuld immer nur mit Taten zusammenhängt. Als Jurist und wohl auch als Sohn habe ich dazu tendiert, diese Frage mit „ja“ zu beantworten, bis mir klar wurde, dass das wohl zu einfach gedacht war und das gesamte Geschehen in der NS-Zeit zu komplex war, als dass es so einfach geklärt werden könnte.

Ich gab mich lange damit zufrieden, konnte mir jedoch meine Gefühle nicht erklären, beziehungsweise, wurde ihrer nicht Herr. Ich musste es einfach genauer wissen. Als ich an einer Carotisstenose operiert wurde und wissen wollte, womit das zusammenhängen könnte, wurde in einer Aufstellung erstmals neben meinem Vater seinen Taten mit aufgestellt. Die herrschten mich regelrecht an, ich solle doch suchen, da er ja veröffentlicht habe.

Also habe ich mich genauer damit befasst. Zwei Dinge sind mir dabei bewusst geworden. Einmal, dass mein Vater nicht nur mit NS-Größen zusammen gearbeitet hat, sondern auch aktiv in die organisatorische Funktion eingebunden war, unter anderem in das „Amt für medizinische Wissenschaft und Forschung“, das zwar von Rostock geleitet, jedoch tatsächlich ein Machtinstrument von Karl Brandt war.

Was genau er getan hat, habe ich noch nicht herausbekommen und werde ich vielleicht auch nie, da die Akten des Amtes von den Amerikanern unter Verschluss gehalten werden. Aber es gibt noch weitere Spuren, denen ich nachgehe.

Sicher ist jedoch, dass er in die organisatorische Funktion des Systems eingebunden war und sich so schuldig gemacht hat. Hätte er nicht nein sagen können? Ja, das hätte er wohl.

Doch es geht nicht darum, ihn zu verurteilen oder anzuklagen, sondern zu verstehen, warum er hinein geraten konnte. Das hilft mir, mich ganz konkret und sehr bewusst von dem zu lösen, was ich ja – wie auch immer – von ihm übernommen habe. Dass ich es unbewusst getan habe, macht es nicht besser.

Vor einigen Monaten hat mir mein Arzt nach der OP einer Carotisstenose eine Änderung meiner Lebensumstände empfohlen. Er meinte das wahrscheinlich nur bezogen auf meine Ernährung, doch ich habe es auf mein gesamtes Leben bezogen. Denn das ist wohl die einfachste Art, mich ernsthaft aus der falschen Ideologie zu befreien.

Zu verstehen, wie aus normalen Menschen menschenverachtende Täter werden konnten, ist keine Frage der Schuldzuweisung, sondern dahinter steht die Hoffnung, nicht in die selbe Falle wie sie zu geraten. Dass das absolut nichts entschuldigt, ist das andere. Nur es fängt ganz klein an, mit einer kleinen Verschiebung in dem, was man als korrekt ansieht.

Wichtig ist für mich, dass ich nicht über meinen Vater zu richten habe, sowenig wie seine Taten zu bagatellisieren sind. Doch das ist nur die eine Seite. Die andere ist, dass ich nicht weiß, wie ich ihm begegnen würde, stünde er vor mir.

Nicht einfach zu erklären. Es ist, als hätte er – nicht nur für mich – mit etwas gefährlichem kontaminierte Kleider an, mit denen ich absolut nicht in Kontakt kommen will, so als würde ich selbst dadurch kontaminiert werden. Aber in diesen Kleidern steckt mein Vater. Ich suche einerseits die Nähe zu ihm, habe aber Angst davor, mich in der Sehnsucht nach Geborgenheit und Nähe zu verlieren.

Viele sagen beziehungsweise fragen mich, was seine Taten denn mit mir zu tun hätten. Ich hätte damit doch nichts zu tun. Nur so einfach ist es nicht, habe ich doch viele Angewohnheiten meines Vaters von ihm adaptiert. Vieles mache ich wie er. Weiß ich nicht, ob nicht genau darin das Stück Verschiebung steckt, mit dem es wohl für ihn anfing?

Habe nicht auch ich in meinem Beruf Grenzen überschritten, die man „eigentlich“ nicht überschreiten darf, die ethisch und moralisch nicht gerechtfertigt sind? Und was habe ich an meine Kinder „weitergegeben“?

Da ist auf der einen Seite die nüchterne Frage nach Schuld und Verantwortung, auf der anderen Seite die verletzten Gefühle eines Kindes, das nicht den Vater hatte, den es gerne gehabt hätte und nach dem es sich scheinbar irgendwie noch immer sehnt.

Veröffentlicht in Allgemein

Kommentare sind geschlossen.