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Mitgefühl

Kann ich mit meinem Vater Mitgefühl haben? Um das beantworten zu können, muss ich die Dinge klar sehen, darf nichts vermischen oder im Unklaren lassen. Es beginnt einmal damit, dass mein Vater als komplexes Wesen wie alles andere auch der Gesetzmäßigkeit der Pfadabhängigkeit unterliegt. Für mich habe ich das in dem Text „Pfade“ bereits untersucht. Doch was bedeutet das für ihn?

Wenn ich der geschilderten Logik der Pfadabhängigkeit folge, war er einerseits in gewisser Weise an die Geschichte seiner Eltern gebunden, doch eben nicht starr. An den Abzweigungen und Kreuzungen dieses Pfades hat er in der Zeit des Nationalsozialismus offensichtlich keine heilsamen Entscheidungen getroffen. Ich vermeide hier bewusst Begriffe wir ‚richtig‘ oder ‚falsch‘, genauso wie ‚gut‘ oder ‚böse‘, sondern verwende die Begriffe ‚heilsam‘ und ‚unheilsam‘, denn darin kommt die Wirkung der guten wie der bösen Tat für den Täter selbst zum Ausdruck.

Im Dhammapada, Vers 161, kommt dies sehr gut zum Ausdruck:

Die böse Tat, die selbst getan,
selbst erzeugt, die selbst gewirkt,
zermalmt den einsichtslosen Mann,
wie Diamant den Edelstein.

Man darf also nicht nur die Tat als solche betrachten, sondern es ist auch notwendig, die Auswirkungen der Tat auf den Täter selbst zu sehen. Das entschuldigt nichts, gleicht absolut nichts aus. Die Frage ist jedoch, ob ich auf der Urteilsebene „gut oder böse, richtig oder falsch“ stehen bleibe, oder aber ob ich eine Ebene grundsätzlicher denke. Bleibe ich auf der Urteilsebene, ist das Urteil in meinem Kopf und bestimmt mein Verhalten, komme ich jedoch auf die grundsätzlichere Ebene, dann bestimmt Mitgefühl mein Verhalten.

Simone Weil hat dazu in ‚Schwerkraft und Gnade‘ unter dem Thema Menschliche Mechanik Wichtiges geschrieben: „Wer leidet, sucht sein Leiden anderen mitzuteilen – sei es durch Misshandlungen, sei es dadurch, dass er ihr Mitleid hervorruft –, um es so zu vermindern, und derart vermindert er es in der Tat. Wer ganz unten ist, wen niemand bedauert, wer über niemanden Gewalt hat, den er misshandeln könnte (wenn er weder ein Kind hat noch irgendein Wesen, das ihn liebt), bei dem bleibt das Leiden in ihm und vergiftet ihn. Das ist unentrinnbar wie die Schwerkraft. Wie kann man sich davon freimachen? Wie befreit man sich von dem, was wie die Schwerkraft ist?

Das macht für mich deutlich, dass es eine Sache ist, die Taten meines Vaters zu beurteilen, etwas anderes ist es, nicht über meinen Vater zu urteilen, sondern Mitgefühl für ihn zu empfinden, ein Mitgefühl, das absolut nichts entschuldigt. Solange ich dieses Mitgefühl nicht empfinden kann, bleibe ich selbst in der Zerrissenheit gefangen. Einerseits mein Vater, andererseits der Mörder. Doch dahin komme ich wohl nur, wenn ich „ohne Zorn und Eifer“ bin, ‚Sine ira et studio‘, wie es mir eine gute Freundin zu Beginn mitgab.

Seither habe ich mich daran gehalten, es zumindest versucht die Dinge ‚ohne emotionale Beteiligung und Parteinahme, sachlich und objektiv‘ zu untersuchen. Wahrscheinlich war das die Bedingung, die Dinge überhaupt untersuchen zu können und meine Nachforschungen zu voranzubringen.

In Matthäus 6, 13 heißt es: „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“ Und weiter: „Denn so ihr den Menschen ihre Fehler vergebet, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben.“ Was mich dazu bringt, über Vergebung nachzudenken. Vergebung war für mich nie ein Thema, denn ich habe ihm nichts zu vergeben, er hat mir nichts getan. Es geht also um Vergebung unabhängig von etwas Begangenem; Vergebung, die zu Mitgefühl führt, wobei Mitgefühl schon ein leicht misszuverstehender Begriff ist.

Auf meinen Vater bezogen bedeutet das, dass er sich auf dem Pfad seiner Herkunftsfamilie an einer für ihn wichtigen Abzweigung verführen ließ, aber nicht etwa von einem anderen, sondern er ließ sich von seinen eigenen Gelüsten und Bedürfnissen führen. Ihm war ganz offensichtlich nicht bewusst, was er tat, sondern er war Sklave seiner eigenen Bedürfnisse. Er wurde auch nicht versucht, sondern er selbst hat etwas gesucht; er selbst hat Führung gesucht, um seine Bedürfnisse zu befriedigen.

Überhebe ich mich damit? Erhebe ich mich über meinen Vater? Ich hoffe nicht, denn ich setzte ja seinen Pfad in meinem Lebenspfad fort und will an den Abzweigungen und Kreuzungen die stimmige Entscheidungen treffen.

Veröffentlicht in Allgemein

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