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Los-Lösung

Von meiner Schwägerin weiß ich, dass meine Nichte auf die Geschichte meines Vaters – soweit sie bekannt ist – mit den Worten reagiert hat „aber keiner sagt einem, wie man da raus kommt“. Wie man da rauskommt, das kann ich auch nicht sagen, ich kann nur sagen, wie ich mich – hoffentlich – von der Geschichte meines Vaters lösen kann. Es ist leicht zu beschreiben, doch es ist schwierig es auch wirklich zu tun und nicht nur darüber zu reden, denn es verlangt Konsequenz im Denken und Handeln von mir.

Es begann wohl damit, dass mir klar wurde, dass ich selbst die Geschichte meines Vaters und meiner Mutter lebte, obwohl ich „eigentlich“ ganz anders war als sie. Nur merkte ich das erst nicht, weil ich es einfach nicht sehen wollte. Wir erben von unseren Eltern ja nicht nur die Gene, sondern auch ihre Ideologie (nicht ihre Geschichte!) über die Memetik. Doch um die Ideologie meiner Eltern – und damit letztlich meine eigene – zu verstehen, muss ich mich mit ihrer Geschichte befassen.

Der Weg zu mir selbst führt also über ihre Geschichte, genauer über ihre Ideologie, denn das war auch meine eigene Ideologie, die ich von ihnen gelernt hatte. Dass ich ganz anders sein wollte als sie und als Student eine mit ganz vielen Blümchen dekorierte Ente fuhr oder öfters mit einer weißen Ratte auf der Schulter (sie hieß Michelle) durch Tübingen lief, ändert daran nichts. In meinem Protest gegen meine Eltern und alles Etablierte steckte letztlich die identische Ideologie.

Der Schritt, die Geschichte zu erforschen, wurde in dem Moment einfach, als ich begriff, dass ich genau das Selbe wie auch sie machte, nämlich indem ich sie be- und verurteilte. Also suche ich ihnen ohne Zorn und ohne Eifer zu begegnen. Nicht über ihr Tun zu urteilen, dabei aber gerade nicht wegzuschauen, sondern wirklich hinzuschauen, war für mich das Schwierigste überhaupt. Denn das machte mir deutlich, dass ich in sehr, sehr vielen Dinge genau wie sie selbst dachte.

Doch weil ich das ganz offensichtlich nicht wahrhaben wollte, sah ich es nicht und wenn, dann nur verzerrt, mit der Konsequenz, mich nicht daraus lösen zu können. Wie heißt es doch? Wir haben keine Eltern, wir sind unsere Eltern. Erst wenn ich akzeptiere, wie es ist, erst dann kann ich mich auch daraus lösen. Eine conditio sine qua non, eine Bedingung, die nicht hinweggedacht werden kann. Erst als ich das akzeptierte, konnte ich meinen eigenen Weg gehen, erst dann konnte ich mich lösen. Nicht, dass meine Eltern mich festhielten, ich selbst hielt sie fest, durch meine eigene Art.

Ich hatte immer wieder Alpträume, Alpträume die ich hier nicht weiter schildern mag. Nur so viel: Als ich in Natzweiler-Struthof war sagte ich zu meiner Frau bei der Besichtigung eines Raumes nur „Das kenne ich aus meinen früheren Träumen“. Seit ich nämlich das erste Mal wirklich begriffen habe, dass ich eine andere Ideologie als meine Eltern leben muss, habe ich diese Albträume nicht mehr gehabt. Sie haben sich aufgelöst.

Eines ist für mich noch nicht ganz klar. Wie trete ich meinen Eltern gegenüber, angesichts der Tatsache, was sie in der Zeit von 33 bis 45 gemacht haben und wofür sie standen, jedoch ohne über sie zu urteilen? Bewusst wurde mir dieses Dilemma als  mir bewusst wurde, dass ich mich fühlte, als sei jemand Wichtiges in meinem Leben gestorben. Das ist die offenen Frage, auf die ich noch eine Antwort suche. Etwas hilft mir dabei: Das ist eine der Tonfiguren aus Grafeneck, die jetzt bei mir in unserem Wohnzimmer steht.

Sie hilft mir, mein Dilemma aufzulösen, denn es geht um beides, um die Täter und die Opfer. Nur wenn ich beides sehen kann, werde ich auch meinen Vater klar sehen können. Und noch etwas hilft mir, ein Satz von Hannah Arendt. Sie hat einmal – sinngemäß – gesagt, dass die Opfer keine Juden waren, sondern Menschen. Auch mein Vater war ein Mensch. Nur den Nazi in ihm zu sehen, würde mich allzu leicht übersehen lassen, dass sein Handeln menschlich war. Doch das entschuldigt nichts, sondern es macht mir deutlich, dass auch ich dazu fähig bin, wenn ich nicht klaren ethischen und moralischen Prinzipien folge.

Das hat Wolfram Eilenbergers in seinem Buch „Feuer der Freiheit“ perfekt beschrieben. Eigenständiges Denken ist ein Feuer, das aber auch alles vernichten kann, was sich ihm in den Weg stellt, wenn es nicht durch ethische und moralische Prinzipien gelenkt wird. Doch diese Prinzipien zu finden, dazu bin ich selbst aufgerufen, wie jeder von uns. In „Feuer der Freiheit“ beschreibt er vier Frauen, mit denen er sich durch die Jahre von 1933 bis 1943 bewegt. Wie bei Simone de Beauvoir, Hannah Arendt, Ayn Rand und Simone Weil geht es vor allem um die Spannung zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft, um die Möglichkeit der Freiheit und der unbedingten Selbstbestimmung.

Für mich steckt da sehr viel Wahrheit drin. Ich muss wirklich eigenständig denken können, keinem „Alle machen das so!“ folgen, doch ich muss mir auch darüber im Klaren sein, dass ich mich damit in dem ethischen und ethischen und moralischen Spannungsfeld zwischen Individuum und Gesellschaft bewege. Die Beschäftigung mit dem totalitären System des Nationalsozialismus wirft letztlich auch für mich die Frage auf: Was schulde ich den anderen? Was heißt es, Teil einer Gemeinschaft, eines ‚Volkes‘ zu sein? Ich möchte diesen Gedanken von Wolfram Eilenberger um einen weiteren Aspekt ergänzen:

Was heißt es, Teil einer (dieser!) Familie zu sein?