Zum Inhalt springen →

Ich trage seinen Namen

Anders als andere Namen ist der Name meines Vaters nicht im Zusammenhang von NS-Verbrechen in der öffentlichen Diskussion. Doch auch für mich hat der Satz „Ich trage seinen Namen“ große Bedeutung.

Es ist eben mein Vater. Gerade habe ich wieder einmal in Fotoalben meiner Eltern aus der Zeit um 1940 gestöbert. Und wieder habe ich auf der einen Seite das schöne Paar gesehen, meine Eltern und das Foto meines entspannten, fröhlichen und wirklich zufrieden ausschauenden Vaters; auf der anderen Seite ist mir sehr bewusst, dass er wenige Jahre später im Auftrag von Karl Brandt mit Professor Wirth korrespondierte, eine „Sache“, die letzten Endes zu den Versuchen an Menschen in Hamburg-Neuengamme geführt hat.

Das war nicht das einzige geheime Projekt, an dem er beteiligt war, auch wenn ich vieles nur auf Grund von Indizien weiß. Wer ist dieser Mensch gewesen, den ich ganz anders kennen gelernt habe? Soweit ich mich erinnern kann, lief bei uns zuhause alles in normalen Bahnen. Über den Krieg wurde nie gesprochen, ich fragte auch nicht.

Ich weiß nicht, ob das, was ich scheinbar unbewusst wusste, der Auslöser dafür war, dass ich irgendwie nicht in diese Familie passte, ständig träumte und vieles als unwirklich empfand. Erst als ich ins Internat kam, fühlte ich mich zuhause. Aber das eigentliche Zuhause mied ich, wo ich konnte.

Später, im Studium, lebte ich jenseits jeglicher Konvention. Hauptsache nicht normal. Erst als meine erste Tochter im Anmarsch war, wurde ich „vernünftig“ und machte, was man eben so macht. Studieren, Anwalt werden, den Lebensunterhalt verdienen. Aber schon bald suchte ich wieder auszubrechen, diesmal in die Politik. Zuhause war ich selten.

Nachdem ich dann geschieden war und meine jetzige Frau kennengelernt hatte, fing ich an, mich zu hinterfragen. Und plötzlich war das Thema „mein Vater und seine Taten in der Zeit des Nationalsozialismus“ mein zentrales Lebensthema geworden. Der Schleier davor wurde immer durchscheinender und ich sah immer deutlicher, dass da „was“ war.

 

Veröffentlicht in Allgemein

Kommentare sind geschlossen.