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Reflexionen

Die Entscheidung

Je länger ich mich mit dem Thema „mein Vater im Nationalsozialismus“ beschäftige und vor allem mit den Gedanken über die langen Schatten, die die Taten der Täter werfen, desto klarer wird mir, dass das nie enden wird.

Das bedeutet jedoch nicht, dass es endlos wäre und dass es nicht nur Konsequenzen hat, sondern auch von mir Konsequenzen im Handeln, vor allem im Denken einfordert.

Persönliches

Ich bin in das Familiennarrativ des Schweigens hineingeboren und -gewachsen. Erst spät habe ich die Bedeutung der Tatsache erkannt, dass mein Vaters in der Zeit 1933 – 1945 in Berlin mit Rostock, Zukschwerdt und Kalk zusammen gearbeitet hat. Aus einer Familienaufstellung wusste ich zwar, dass „da etwas war“, nur ich suchte nicht wirklich weiter, sondern ließ den Schleier der Unklarheit zu.

Noch viel später habe ich damit begonnen, mich mit einer sehr wichtigen Frage zu beschäftigen: Es ist die Frage, ob Schuld immer nur mit Taten zusammenhängt. Als Jurist und wohl auch als Sohn habe ich dazu tendiert, diese Frage mit „ja“ zu beantworten, bis mir klar wurde, dass das wohl zu einfach gedacht war und das gesamte Geschehen in der NS-Zeit zu komplex war, als dass es so einfach geklärt werden könnte.

Ich gab mich lange damit zufrieden, konnte mir jedoch meine Gefühle nicht erklären, beziehungsweise, wurde ihrer nicht Herr. Ich musste es einfach genauer wissen. Als ich an einer Carotisstenose operiert wurde und wissen wollte, womit das zusammenhängen könnte, wurde in einer Aufstellung erstmals neben meinem Vater seinen Taten mit aufgestellt. Die herrschten mich regelrecht an, ich solle doch suchen, da er ja veröffentlicht habe.

Also habe ich mich genauer damit befasst. Zwei Dinge sind mir dabei bewusst geworden. Einmal, dass mein Vater nicht nur mit NS-Größen zusammen gearbeitet hat, sondern auch aktiv in die organisatorische Funktion eingebunden war, unter anderem in das „Amt für medizinische Wissenschaft und Forschung“, das zwar von Rostock geleitet, jedoch tatsächlich ein Machtinstrument von Karl Brandt war.

Was genau er getan hat, habe ich noch nicht herausbekommen und werde ich vielleicht auch nie, da die Akten des Amtes von den Amerikanern unter Verschluss gehalten werden. Aber es gibt noch weitere Spuren, denen ich nachgehe. Sicher ist jedoch, dass er in die organisatorische Funktion des Systems eingebunden war und sich so schuldig gemacht hat. Hätte er nicht nein sagen können? Ja, das hätte er wohl.

Doch es geht nicht darum, ihn zu verurteilen oder anzuklagen, sondern zu verstehen, warum er hinein geraten konnte. – was nicht bedeutet, einverstanden zu sein! Das hilft mir, mich ganz konkret und sehr bewusst von dem zu lösen, was ich ja – wie auch immer – von ihm übernommen habe. Dass ich es unbewusst getan habe, macht es nicht besser.

Vor einigen Monaten hat mir mein Arzt nach der OP einer Carotisstenose eine Änderung meiner Lebensumstände empfohlen. Er meinte das wahrscheinlich nur bezogen auf meine Ernährung, doch ich habe es auf mein gesamtes Leben bezogen. Denn das ist wohl die einfachste Art, mich ernsthaft aus der falschen Ideologie zu befreien.

Lernen, zu verstehen

Was nicht bedeutet, einverstanden zu sein. Zu verstehen, wie aus normalen Menschen menschenverachtende Täter werden konnten, ist keine Frage der Schuldzuweisung, sondern dahinter steht die Hoffnung, nicht in die selbe Falle wie sie zu geraten. Dass das absolut nichts entschuldigt, ist das andere. Nur es fängt ganz klein an, mit einer kleinen Verschiebung in dem, was man als korrekt ansieht.

Wichtig ist für mich, dass ich nicht über meinen Vater zu richten habe, sowenig wie seine Taten zu bagatellisieren sind. Doch das ist nur die eine Seite. Die andere ist, dass ich nicht weiß, wie ich ihm begegnen würde, stünde er vor mir.

Nicht einfach zu erklären. Es ist, als hätte er – nicht nur für mich – mit etwas gefährlichem kontaminierte Kleider an, mit denen ich absolut nicht in Kontakt kommen will, so als würde ich selbst dadurch kontaminiert werden. Aber in diesen Kleidern steckt mein Vater. Ich suche einerseits die Nähe zu ihm, habe aber Angst davor, mich in der Sehnsucht nach Geborgenheit und Nähe zu verlieren.

Viele sagen beziehungsweise fragen mich, was seine Taten denn mit mir zu tun hätten. Ich hätte damit doch nichts zu tun. Nur so einfach ist es nicht, habe ich doch viele Angewohnheiten meines Vaters von ihm adaptiert. Vieles mache ich wie er. Weiß ich nicht, ob nicht genau darin das Stück Verschiebung steckt, mit dem es wohl für ihn anfing?

Habe nicht auch ich in meinem Beruf Grenzen überschritten, die man „eigentlich“ nicht überschreiten darf, die ethisch und moralisch nicht gerechtfertigt sind? Und was habe ich an meine Kinder „weitergegeben“?

Da ist auf der einen Seite die nüchterne Frage nach Schuld und Verantwortung, auf der anderen Seite die verletzten Gefühle eines Kindes, das nicht den Vater hatte, den es gerne gehabt hätte und nach dem es sich scheinbar irgendwie noch immer sehnt.

Es betrifft mich selbst

Meine Aussage über Schuld, Unschuld und der Funktion in einem System betrifft auch mich selbst. Zwar in einem ganz anderen Kontext, aber auch ich habe als Anwalt und als Politiker eine Funktion in einem System gehabt. Und auch hier gab es „feine Verschiebungen in der Grundeinstellung“, wie es Leo Alexander genannt hat. Nur dass ich das große Glück hatte, dass die Auswirkungen eine ganz andere Dimension hatten.

Doch es war das identische Prinzip am Wirken: Eine kleine Verschiebung der Grundeinstellung. Etwas, das ich nicht hätte akzeptieren dürfen. Nur hatte ich das große Glück, dass ich letztlich in dem System nichts geworden, sondern gerade noch rechtzeitig „ausgestiegen“ bin. Aber nicht wirklich freiwillig oder weil ich gar erkannt hätte, was ich da tue.

Immer wieder fällt mir der Satz „Lass dich nicht verführen!“ aus einer der Aufstellungen ein; ein Satz, den ich lange nicht mit den Verschiebungen in meiner eigenen Geschichte in Verbindung gebracht habe. Und dies nicht wahrhaben zu wollen, ist nicht das der wirkliche Hintergrund, die eigentliche Motivation für meine Sehnsucht nach meinem Vater? Eine schlichte Ablenkung?

Es ist definitiv an der Zeit, aufzuwachen und mir einzugestehen, was war. Bei meinem Vater und auch bei mir selbst. Solange ich die Geschichte meines Vaters nicht klar sehe, werde ich wahrscheinlich auch meine eigene Geschichte beschönigen. Ich habe einmal gesagt, dass, wäre ich in der ehemaligen DDR geboren worden, ich mit meinem Machtinstinkt sicher bei der Stasi gelandet wäre.

Die Frage ist, ob ich mir wirklich eingestehe, wie ich war und vielleicht noch bin. Wie sagte doch Theodor W. Adorno? „Aufgearbeitet wäre die Vergangenheit erst dann, wenn die Ursachen des Vergangenen beseitigt wären. Nur weil die Ursachen fortbestehen, ward sein Bann bis heute nicht gebrochen.“

Seit Wochen liegt das Buch „Naked Presenter“ von Garr Reynolds auf dem Hocker unter meinem Schreibtisch. Genau so lange kreise ich drum herum. Es ist, als wäre darin eine Botschaft für mich darin. Dabei geht es nicht darum, wie ich mich präsentiere, sondern wohl mehr darum, ob ich sehen kann, wie ich wirklich war und bin.

In dem Vorwort beschreibt er die Bedeutung des japanischen Ausdrucks „hadaka no tsukiai“ – nackte Beziehung oder nackte Kommunikation. Sein Chef klärte ihn darüber auf, dass das japanische Bad ein wichtiger Teil des japanischen Lebensstils und das Ritual selbst auch eine gute Metapher für gesunde Kommunikation und gute Beziehung seien. „Durch gemeinsame Nacktheit sind wir ungeachtet unseres Status alle gleich“, sagt er. Es bedeutet, „sich freiwillig zu enthüllen und die nackte Wahrheit zu kommunizieren“.

Genau darum geht es. Sehen, wie ich war und bin.

Ich trage seinen Namen

Anders als andere Namen ist der Name meines Vaters nicht im Zusammenhang von NS-Verbrechen in der öffentlichen Diskussion. Doch auch für mich hat der Satz „Ich trage seinen Namen“ große Bedeutung.

Es ist eben mein Vater. Gerade habe ich wieder einmal in Fotoalben meiner Eltern aus der Zeit um 1940 gestöbert. Und wieder habe ich auf der einen Seite das schöne Paar gesehen, meine Eltern und das Foto meines entspannten, fröhlichen und wirklich zufrieden ausschauenden Vaters; auf der anderen Seite ist mir sehr bewusst, dass er wenige Jahre später im Auftrag von Karl Brandt mit Professor Wirth korrespondierte, eine „Sache“, die letzten Endes zu den Versuchen an Menschen in Hamburg-Neuengamme geführt hat.

Das war nicht das einzige geheime Projekt, an dem er beteiligt war, auch wenn ich vieles nur auf Grund von Indizien weiß. Wer ist dieser Mensch gewesen, den ich ganz anders kennen gelernt habe? Soweit ich mich erinnern kann, lief bei uns zuhause alles in normalen Bahnen. Über den Krieg wurde nie gesprochen, ich fragte auch nicht.

Ich weiß nicht, ob das, was ich scheinbar unbewusst wusste, der Auslöser dafür war, dass ich irgendwie nicht in diese Familie passte, ständig träumte und vieles als unwirklich empfand. Erst als ich ins Internat kam, fühlte ich mich zuhause. Aber das eigentliche Zuhause mied ich, wo ich konnte.

Später, im Studium, lebte ich jenseits jeglicher Konvention. Hauptsache nicht normal. Erst als meine erste Tochter im Anmarsch war, wurde ich „vernünftig“ und machte, was man eben so macht. Studieren, Anwalt werden, den Lebensunterhalt verdienen. Aber schon bald suchte ich wieder auszubrechen, diesmal in die Politik. Zuhause war ich selten.

Nachdem ich dann geschieden war und meine jetzige Frau kennengelernt hatte, fing ich an, mich zu hinterfragen. Und plötzlich war das Thema „mein Vater und seine Taten in der Zeit des Nationalsozialismus“ mein zentrales Lebensthema geworden. Der Schleier davor wurde immer durchscheinender und ich sah immer deutlicher, dass da „was“ war.

Auf den Spuren zu mir selbst

Ich wusste jedoch nie genau, was es war. Als ich mit 68 an einer Karotisstenose erkrankte, wollte ich natürlich wissen, ob das immer noch mit der Geschichte meiner Familie zusammenhängt. Das Ergebnis der Aufstellung war ein eindeutiges „Ja“. Und endlich suchte ich ernsthaft. Und wurde fündig. Es war nicht mehr zu leugnen, mein Vater war ganz oben mit dabei.

Damit wurde mein eigentliches Dilemma offensichtlich: Wer war mein Vater überhaupt? Und was heißt das für mich? Was bedeutet es für meine Kinder? Und für meine Enkel? Das Bild, das ich von meinem Vater hatte, war in die Brüche gegangen.

Wie füge ich diese Bilder von ihm zusammen? Der glückliche junge Mann, der Täter sowie mein Vater. Eines weiß ich, das ist, alles zu tun, was mir möglich ist, damit diese menschenverachtende Haltung sich nicht wiederholt. Aber es genügt mir noch nicht, denn ich suche noch meinen inneren Ruhepunkt.

Ich kann meinem Vater in Gedanken zwar immer besser begegnen, ohne ihn zu verurteilen, sehe ich aber wie heute die Bilder, bringt mich das noch immer ins Stolpern.

Das muss ich einfach aushalten und aufhören, irgendetwas tun zu wollen. Es hört erst auf, wenn ich nichts mehr beabsichtige, nichts mehr managen will, sondern es akzeptiere. Ich muss aber auch wissen, was meine Eltern, meinen Vater verführbar und anfällig für eine menschenverachtende Ideologie gemacht hat.

Es geht nicht allein um die Ideologie, sondern vor allem darum, die winzigen Verschiebungen in den eigenen Einstellungen zu erkennen; kleine Verschiebungen, die sich wie bei meinem Vater zu einer Falle ausgewachsen haben, aus der er ganz offensichtlich nicht mehr herauskam.

Was ich gelernt habe, das ist, dass ich eine klare Ethik brauche, das allein kann mich (und andere) davor schützen, in die gleiche Falle zu geraten, eine Falle, die man sich selbst gestellt hat. Aus Eitelkeit, Geltungsbedürfnis, Karriere-Streben, Dabei-Sein und Dazu-Gehören.

Ganz „normale“ Dinge, Dinge, die regelrecht darauf aus sind, einen zu verschlingen, wenn man ihnen gegenüber nicht sehr, sehr achtsam und selbstkritisch ist. Fehlende Selbstkritik war wohl auch für meinen Vater das, was ihn letztlich unmenschliche Dinge hat tun lassen.

Gedanken über meine Eltern

Weshalb beschäftige ich mich mit der Geschichte meiner Eltern? Ganz einfach, weil es meine Eltern sind, denn das hat große Bedeutung für mich. Als ich klein war, stellten meine Eltern für mich die Welt dar, wie für jedes kleine Kind. Sie definierten meine Umgebung und mein eigenes Sein, sie legten die Grundlagen für mein Urvertrauen, ja für meine gesamte Persönlichkeit.

Die Stimmung innerhalb der Familie hat nun einmal einen gewaltigen Anteil an der Persönlichkeitsbildung eines Kindes. Wächst es in einer harmonischen Familie auf, die von gegenseitigem Respekt und Rücksichtnahme geprägt ist, wird es dies ebenso in seine Persönlichkeit integrieren, wie wenn in der Familie – insbesondere zwischen den Eltern – ständig Streit und Disharmonie herrscht.

Dies beginnt nachweislich bereits vor der Geburt. Meine Eltern waren also für mich zuallererst Vorbilder. Sie waren meine Welt, denn ich kannte ja nichts anderes. Und dieses erste Bild der Welt, das ich durch meine Eltern kennengelernt habe, habe ich zu meinem eigenen gemacht.

Ich denke, dass mein Vater zumindest später eine wichtige Bezugsperson für mich war. Vielleicht gerade deswegen, weil er nicht nur wegen seines Berufes kaum für mich ‚da‘ war. Eine Rolle hat sicher auch gespielt, dass ich gegen vieles im Leben unserer Familie rebellierte, was paradoxerweise die Bindung an sie noch stärker werden lies.

Rebellieren ist etwas ganz anders als sich von den Eltern abzulösen und eigenständig zu werden. Genau das aber habe ich durch mein ‚Dagegen-Sein‘ nicht so wirklich hinbekommen. Es ist müßig einen Sinn darin finden zu wollen, weshalb ich in meiner Jugend ganz anders zu leben suchte als sie.

Es ist einfach eine Tatsache, dass ich mich nicht von ihnen löste. Keine Frage, dass es da mit ‚Eigenständigkeit’ nichts werden konnte. Das ist aber nicht ihr Fehler, ich hätte ja auch einfach ‚Nein, danke!‘ sagen können, wenn sie mir finanziell immer wieder unter die Arme griffen.

Das Bindungsverhalten eines Kindes zu seinen Eltern ist in seinen ersten zwei Lebensjahren besonders stark ausgeprägt. Danach wendet sich das Kind mehr und mehr der Außenwelt zu. Diese Öffnung ist auch ein erster Schritt in Richtung Selbständigkeit und damit eines Ablösungsprozesses von den Eltern, der schließlich in der Pubertät seinen Abschluss findet. Also idealerweise.

Bei mir war es definitiv nicht so. Doch wem sollte ich dafür die Schuld geben? Ihnen? Mir? Beides ist – Entschuldigung – bescheuert und bringt mich der Lösung kein bisschen näher. Erst wenn ich es ohne jegliche persönliche Betroffenheit sehen kann, kann ich mich davon lösen. Emotionen sind nun einmal ein Schleier, der mich nicht klar sehen lässt.

Was ich aber lange nicht registrierte und auch nicht begriff, das ist, dass die unabdingbare Voraussetzung für eine Loslösung ist zu wissen, wovon ich mich überhaupt lösen musste. Dass das ein Problem für mich war, hätte ich eigentlich schon damals merken können, als ich ziemlich überdreht reagierte, als mein Vater gestorben war und niemand da war, mit dem ich darüber hätte reden können.

Loslösung

Um mich zu lösen, musste ich sehen, was ist. Erst als ich wirklich sah, wie meine Eltern waren, was sie dachten und welcher Ideologie sie folgen, konnte ich die in meiner Kindheit übernommenen Anteile reflektieren und mich auch davon lösen. Das ist der persönliche Aspekt. Es gibt aber auch noch einen ganz anderen Aspekt, nämlich den gesellschaftlichen. Und der ist mindestens genauso wichtig.

Es ist müßig, darüber zu urteilen, was in der Zeit 1933 bis 1945 passierte und getan wurde, auch von meinen Eltern. Doch nicht zu urteilen und nicht zu beurteilen heißt für mich auf keinen Fall, das ad acta zu legen. Denn ganz unabhängig von Genen und auch von Epigenetik bin ich ein Mensch, genau wie sie. Und das meine ich jetzt ganz ernst. Denn erst, wenn ich begriffen habe, welcher Mechanismus dazu geführt hat, dass sie taten, was sie eben taten, kann ich selbst lernen, nicht in die gleiche Falle zu laufen. Dazu ein für mich sehr wichtiger und wirklich lösungsorientierter Text von Albrecht Mahr:

‚Die Kraft, derer sich der Nationalsozialismus bemächtigt hat – oder besser: das versucht hat – ist vergleichbar mit der Atomkraft, die unvorstellbar destruktiv sein kann, aber auch sehr nützlich. Im Nationalsozialismus waren die Bereitschaft des Dienens, des Verzichts auf persönliche Vorteile, die große Entschlossenheit etc. aufgerufen – alles gute Dinge – und sie waren in den Dienst einer vernichtenden rassistischen Ideologie gestellt, die von Abermillionen mitgetragen wurde.

Die destruktive Ideologie und die von ihr missbrauchten Kräfte sind aber nicht das Gleiche, da sind wir zur Klarheit der Unterscheidung aufgefordert. Das heißt, wir müssen uns der mächtigen Kräfte z.B. unbedingter Entschlossenheit und der Willenskraft, für die Wahrheit einzutreten, bewusst werden und lernen, sie für die Ziele einzusetzen, die allen Menschen dienen und niemanden ausschließen.

Die Verquickung von Macht und Ideologie hat in Deutschland eine „pazifistische Versuchung“ nach sich gezogen, das heißt Aggression in jeder Form zu vermeiden, weil sie mit Faschismus gleichgesetzt wurde. Diese Art der Friedfertigkeit führt zu Kraftlosigkeit – wir werden dann „wie gekochtes Gemüse“, wie einmal jemand gesagt hat.

Es hilft also nichts, wir müssen uns mit all diesen Seelenkräften vertraut machen, gerade auch mit den aggressiven und mit denen, die die Keime zu Gewalttätigkeit enthalten und die nun mal zu unserer Grundausstattung gehören. Das lässt uns am Ende friedfertiger und zugleich kraftvoller werden – wir brauchen beides.’

Das Übernommene erkennen

Nur woran merke ich, was ich von meinen Eltern übernommen habe? Es geht dabei nicht darum, ob ich meine Teetasse wie mein Vater halte (was ich nicht tue), sondern es geht vor allem um die Art zu denken, also die Struktur meines Denkens. Marshall McLuhan hat an dem Beispiel Medien beschrieben, was aber ganz allgemein gilt: Das Medium ist die Botschaft. Damit ist gemeint, dass dem jeweils verwandten Kommunikationsmittel eine zentrale Bedeutung bezüglich der Wirkung der jeweiligen Aussagen zukommt.

McLuhan erkannte vielleicht als einer der ersten, dass Technologien eine ‚Ausweitung der eigenen Person sind‘. Eine Kamera lässt sich demnach als eine Erweiterung des Auges und ein Radio als eine Erweiterung des Ohrs interpretieren. Und haben wir nicht selbst schon die Erfahrung gemacht, dass das von uns benutze Auto uns letztlich ‚irgendwie‘ ausmacht, wenn wir nicht sehr, sehr achtsam sind und vollkommen gelassen sind?

Und sagt nicht Ludwig Wittgenstein ‚Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt‘? Sprache ist das Medium, mit dem ich mich mit meinen Mitmenschen in Beziehung setze. Doch das ist sozusagen das Ergebnis, denn Sprache ist auch ein Ausdruck meiner Art zu denken, also der Struktur meines Denkens. Es macht einen Unterschied, ob ich von einem Feld der Möglichkeiten oder einem Feld des Möglichen spreche. Im ersten Fall habe ich eine Wahlmöglichkeit, im zweiten hingegen vollkommene Offenheit.

Ich habe, wie meine Mutter zu mir, zu meinen Töchtern sicher des öfteren gesagt hat, dass sie sich endlich ‚am Riemen reißen‘ sollten. Doch das war nicht einfach ‚nur‘ Sprache, sondern auch eine ideologische Einstellung. Schon 1933 entstand Karl Kraus‘ ‚Dritte Walpurgisnacht‘, die die Sprache der nationalsozialistischen Propaganda konsequent der Gedankenwelt Goethes gegenüberstellt und aus der Analyse der nationalsozialistischen Sprache zu einer folgerichtigen Vorhersage der weiteren Entwicklung gelangt. Und exakt so bin, ich ohne es zu merken, über das Erlernen der Sprache in die Ideologie meiner Eltern hineingewachsen.

Das ist der Grund, weswegen ich mich mit der Geschichte meiner Eltern beschäftige. Vorrangig natürlich mit der meines Vaters, ganz einfach deswegen, weil ich dazu Fakten finde. Von meiner Mutter weiß ich nichts aus dieser Zeit, außer dass sie eine hervorragende Schneiderin und sehr zielstrebig war.

Doch das ist nicht die ganze Wahrheit über sie; nur ein Aspekt.

Wie es weiter geht

Der Mensch soll nicht fragen, was er vom Leben erwarten kann, sondern verstehen, dass es das Leben ist, das etwas von ihm erwartet.

Victor Frankl

Dem Schicksal entkomme ich nicht, mag ich das Geschehene auch noch so gewaltsam ausblenden. Erst wenn ich die falsche Loyalität aufgebe, den Finger in die Wunde lege, mich der Wahrheit aussetze und mich nicht mehr zum Schweigen verurteile oder verurteilen lasse, kann ich anfangen, mich der Vergangenheit zu stellen.

Ich bin von ihr dadurch nicht befreit, aber gestärkt und freier, um Verantwortung zu übernehmen. In unserer Entwicklung verschränkt, interagiert Psychisches mit Physischem, d.h. die physiologischen Erfahrungen, denen ich durch meine Eltern ausgesetzt war und die aus ihrer jeweiligen Psyche, Lebenssituation, geistig-emotionalen Präsenz und vielem anderem entstanden sind, formten auch meine eigene Psyche, vermutlich bereits in der Zeit vor der Geburt.

Diese unbewussten Kernerfahrungen können wir wohl nie genau fassen, aber sie wirken, indem sie meine Sicht der Welt „machen“. Rational sind solche Zusammenhänge oder Kausalitäten schwer zu beweisen. Doch wir sind dem nicht ausgeliefert. Es liegt an mir selbst, wie ich auf diese eigene (!) Lebenserfahrung reagiere – entweder mit Misstrauen und Angst oder aber mit Standfestigkeit und Entscheidungsfähigkeit.

Und dann ist es wohl auch an der Zeit, über Trauer nachdenken – weil ich spüre und auch ahne, was die Geschichte meiner Eltern in meinem eigenen Leben bewirkt hat. Doch ohne Wut und ohne Eifer.

Dem Netz der Lügen entsagen

Das war das vielleicht das Entscheidende, die Lügen zu erkennen. Dr. Walter Mielenz hat vor dem Tribunal wegen der im Nationalsozialismus begangen Verbrechen gegen die Menschlichkeit eine eidesstattlichen Versicherung für Professor Karl Brandt, den ‚Generalkommissar für das Sanitäts- und Gesundheitswesen‘, abgegeben. Darin „bestätigt“ er, dass Karl Brandt keinen Auftrag von Hitler erhalten hätte, Forschung im Zusammenhang mit chemischen Kampfstoffen zu tätigen.

Mein Vater, hat in seiner eidesstattlichen Versicherung vor dem selben Tribunal „bestätigt“, dass Professor Paul Rostock, Leiter des von Brandt ins Leben gerufenen ‚Amt für medizinische Wissenschaft und Forschung‘, absolut nichts von Versuchen an Menschen gewusst hätte.

Durch die mittlerweile vorgefundenen Dokumente ist unbestreitbar belegt, dass beide eidesstattliche Versicherungen falsch waren. Sie verschweigen nicht etwas, sondern sie sagen die Unwahrheit wider besseres Wissen. Und es ist auch belegt, dass beide, Walter Mielenz wie auch mein Vater, selbst in die Machenschaften von Brandt, Rostock und anderen involviert waren.

Für mich ist das erst einmal eine Tatsache, die vieles in meinem Leben anders erscheinen lässt. Natürlich weiß ich, dass niemanden außer mir selbst für mein Leben verantwortlich ist, nur ich selbst. Doch heute weiß ich, dass ich viel früher die Fragen hätte stellen müssen, die ich erst in der letzen Zeit gestellt habe.

Meinen Eltern mache ich keinen Vorwurf, denn was passierte, war vor meiner Zeit. Wenn ich jemandem einen Vorwurf mache, dann mir selbst, dass ich mich nicht früher gegen die Dinge zur Wehr gesetzt habe, die ich nicht wollte. Ich habe wider besseres Wissen und gegen meine eigenen Empfindungen gehandelt und in einem Spiel mitgespielt, dass ich ‚eigentlich‘ nicht spielen wollte.

Eines habe ich verstanden: Kein Handeln wider besseres Gefühl. Dazu brauche ich vollkommene Ehrlichkeit und wirklichen Klartext in allem, will ich nicht auf meine eigenen Gefühle hereinfallen. Kein Spiel mehr mitspielen, das das Spielen nicht wert ist. Keine Rücksichtnahme mehr, nur um mich selbst zu schützen. Ich habe wirklich verstanden, dass es verdammt übel ausgehen kann, wenn man mit den Wölfen heult und dem Mainstream folgt, weil man etwas erreichen will, weil man dazu gehören will, weil man nicht ausgeschlossen sein will.

Das ursprüngliche Problem

Nicht was damals getan wurde ist das wirkliche, das eigentliche Problem, sondern das, was die Menschen so handeln und werden ließ und auch immer noch handeln und werden lässt. Das hat nichts mit dem NS-Regime zu tun, sondern damit, dass wir meist noch immer lieber in der Konvention als in der Wahrheit leben. Die Wahrheit ist uns oft zu radikal, zu kompromisslos.

Lieber tun wir so, als sei alles in Ordnung, auch wenn wir ‚eigentlich‘ wissen, dass nichts in Ordnung ist. Wir spielen das Spiel so lange, bis es irgendwann kein zurück mehr gibt, bis wir nicht mehr aus der Situation herauskommen. Wenn wir keine ethische Haltung haben, die der Wirklichkeit gerecht wird, einer Wirklichkeit, wie sie ist und nicht, wie wir sie glauben zu sehen oder auch sehen wollen, um unsere Interessen durchsetzen zu können.

Das bedeutet, wir müssen die Wirklichkeit ergründen und nicht einfach annehmen, wir wüssten, was wirklich ist. Wir müssen lernen, die Wirklichkeit zu sehen, wie sie ist und nicht, wie wir sie uns vorstellen. Denn wir wissen heute, dass die Wirklichkeit ganz anders ist, als wir sie uns bisher vorgestellt haben und viele sie sich noch immer vorstellen. Nur wir wollen es bisher vielfach noch nicht wahrhaben, bedeutet das doch, ‚Wirklichkeit‘ erst lernen zu müssen. Nur das müssen wir, wollen wir nicht wie unsere Eltern und Großeltern Gefahr laufen, das Gleiche zu machen wie sie.

Ich habe gerade einen interessanten Text gelesen, worin die Aussage Willi Brandts „Krieg ist nicht mehr die Ultima Ratio, sondern die Ultima Ratio.“, der Satz von Wilhelm Busch „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ und der Satz des Ch’an-Meisters Niútóu Fǎróng „Gewinn und Verlust – zwei Seiten ein und des selben – was soll da das Reden von gut und schlecht.“ einander gegenüber gestellt wurden.

Doch es gibt noch eine weitere Überlegung, sozusagen eine praktische Umsetzung des Gedanken von  Niútóu Fǎróng: Aikido, basierend auf den Gedanken von Ueshiba Morihei. Aikido kann man nicht nur auf der körperlichen Ebene praktizieren, man kann es auch geistig anwenden. Entscheidend ist, dass man den Basisprinzipien folgt, den Gedanken des Ch’an und sie ernsthaft in das eigene Denken integriert. Denn das ist die Grundlage des Aikido. Wem das zu abgehoben erscheint, der kann sich mit den fundamentalen Fragen beschäftigen, die die Quantenphysiker erkannt haben. Die sind nämlich auf das Gleiche gekommen. Wichtig ist, nicht in den Mystizismus abzudriften.

All das hat eine Voraussetzung: Ich muss anders denken lernen, ich muss lernen die Welt zu sehen, wie sie wirklich ist. Nur dann kann ich wirklich leben. Wenn ich wirklich leben will, muss ich mit all den Geschichten und manchmal auch handfesten Unwahrheiten wie mit dem Schweigen aufhören, wo etwas gesagt gehört. Es muss Schluss sein mit dem Selbstbetrug und der Selbsttäuschung. Ich muss sehen, wie die Welt ist und nicht, wie ich gerne hätte, dass sie wäre.

Selbstbetrug und Selbsttäuschung. Das ist der fatale Beitrag, den auch ich jahrelang geleistet habe. Damit mache ich jetzt wirklich Schluss. Ich will kein Rädchen mehr im Getriebe sein, sondern ein eigenständig denkender und handelnder Mensch, der die Welt sieht, wie sie wirklich ist.

Ohne Ethik geht es nicht

Es gibt keine Ideologie und keine Religion oder Geisteshaltung, die von sich aus „gut“ wäre. Nicht einmal Meditation ist das. Man kann das sehr gut am Buddhismus sehen, der in der Zeit von 1933 bis 1945 von vielen führenden NS-Vertretern hofiert wurde, entsprach doch das Prinzip der inneren Unberührtheit und steten Gelassenheit genau ihrem eigenen Verständnis.

Eugen Herrigel wie Karlfried Graf Dürckheim, glühende Nationalsozialisten, wurden in der Nachkriegszeit in der buddhistischen Szene hofiert, kaum einer erinnerte sich an ihre Nähe zum Nationalsozialismus. Dürckheim, so hat es der Religionswissenschaftler Karl Baier in seinem Aufsatz „NS-Mystik und militanter Zen“ nachgezeichnet, empfand die Freiheit von Furcht und Trauer sowie die Kultivierung eines „inneren Raumes“, die nicht zuletzt durch rituelle Teezeremonien in den Kampfpausen erlangt werde, als geradezu vorbildlich.

Solche kaltblütigen Auslegungen des Gelassenheitsdenkens sind allerdings keineswegs Geschichte. Auch wenn sie nicht in faschistischer Form daherkommt, werden buddhistisch inspirierte Ratgeber und Entspannungsübungen von Managern und Unternehmern schon lange benutzt, um im kompromisslosen Kampf um Marktanteile einen klaren Kopf zu bewahren.

Nicht die Ideologie, der ich folge, ist „richtig“, sie kann immer nur ein Weg zur Realisierung meiner eigenen Ethik sein. Meine Ethik und ob ich ihr wirklich folge, das ist entscheidend, nichts sonst.

Es ist meine Entscheidung

Eine der letzten menschlichen Freiheiten ist, seine Einstellung unter welchen Umständen auch immer frei wählen zu können.

Ein Zitat, das von Victor Frankl sein soll. In diesem Gedanken finde ich mich wieder, auch wenn ich weiß, wie schwierig es sein kann, sich nicht verführen oder mitreißen zu lassen; sondern immer einen bewussten Standpunkt einzunehmen, was keineswegs bedeutet, auf Distanz zu gehen.

Es bedeutet vielmehr, sich zu engagieren und dabei zu sein.

Der Nazi in mir

Eine Klarstellung vorab: Ich lehne die Gedanken des Nationalsozialismus aus tiefster Überzeugung ab. Ich habe solche Ideen noch nie für gut befunden. Politisch war ich immer auf der „anderen Seite“ unterwegs.

Man kann mit Fug und Recht sagen, dass ich schon immer dagegen war. Seit ich denken kann, habe ich Gegenposition eingenommen und vertreten. Ich habe auch Freundschaften beendet, wenn ich gemerkt habe, dass mein Gegenüber ein verkappter Nazi ist oder rechtslastige Tendenzen hatte und nicht mit sich reden ließ. Warum also der Titel „Der Nazi in mir“?

Weil genau das das Problem war, mit dem ich lange kämpfte, jedoch ohne überhaupt zu merken oder gar zu wissen, was mich umtrieb. Ich konzentrierte mich derart auf das, was ich tat, dass ich überhaupt nicht merkte, wie ich es tat. Seit ich mich jedoch intensiv mit den Gedanken von Marshall McLuhan beschäftige, ist mir klar geworden, dass das „Wie?“ einen Menschen in erster Linie ausmacht und eben nicht das „Was?“. Also auch ich bin erst einmal ein „Wie?“.

Wenn mich ein anderer wahrnimmt, ist also nicht allein entscheidend, was ich denke, empfinde, sage oder tue, sondern vor allem wie ich es sage und tue. Wie ich denke, kann ein anderer ja nicht wahrnehmen, auch wie ich wirklich empfinde, ist nicht so einfach feststellbar. Das bedeutet fataler Weise, dass ich ganz anders „rüber kommen“ kann, als ich tatsächlich denke. Nur wie bin ich dann? So wie ich denke oder so, wie ich tatsächlich bin, mich also verhalte?

Ich denke, beides ist richtig. Das „Wie ich bin“ macht mich genauso aus wie das „Was ich bin“. Beide zusammen tanzen den Tango meiner Persönlichkeit. Oder eben Walzer. Es kann auch ein Schieber sein, was aber nicht abwertend gesehen werden darf, es ist einfach eine andere Kultur. Wichtig ist zu sehen, dass die Kultur, die ich gelernt und angenommen habe, ja auch in dem „Wie?“ steckt.

Was waren also die Bedingungen, die mich haben werden lassen, wie ich bin (also wie ich denke und damit, wie ich mich verhalte)? Das beginnt mit meiner Zeugung. Erst haben mich die neun Monate im Bauch meiner Mutter emotional geprägt, dann meine Kindheit und Jugend. Also nicht nur die Tatsache, dass ich noch jung war und erst einmal die Welt kennen lernen und erfahren musste, um mich darin bewegen zu können, sondern alles, was mir begegnete und mich prägte.

Es waren die Menschen um mich herum wie auch meine tatsächliche Lebenssituation, die mich grundlegend prägten. Dabei habe ich das nicht analytisch betrachtet, sondern unbewusst emotional „erfasst“ und auch vielfach unreflektiert aufgenommen. Mit anderen Worten: Ich habe mich nicht gegen meine Empfindungen entschieden! Und es ist müßig, ob ich das unbewusst oder bewusst tat, denn entscheidend ist, dass ich es nicht getan habe. Entscheidend war, ob ich etwas „mochte“ oder eben nicht. Und das ist es auch immer noch.

Nur bin ich dem nicht mehr wie als kleines Kind ausgeliefert, ich kann jetzt darüber reflektieren und meine „Meinung“ ändern. Mit anderen Worten, ich kann eine andere emotionale Haltung dazu einnehmen. Allein die Reflexion befreit mich aus der Falle des Mögens und Nicht-Mögens, denn beides ist eine Falle, da ja beides sowohl richtig wie auch falsch sein kann.

Um zu reflektieren, wie ich bin, muss ich mir überhaupt erst einmal bewusst werden, wie ich wurde, nicht was ich wurde, sondern wie ich wurde. Das ist in der Regel tief im Nicht-Bewussten vergraben und selten offensichtlich, vor allen Dingen nicht für mich selbst. Aber es lohnt sich, dies an die Oberfläche zu holen. Dann kann ich es reflektieren, womit ich ihm die Macht über mich nehme, denn ich mache es mir bewusst. Macht über mich hat es jedoch nur, wenn ich mir dessen nicht bewusst bin.

Früher dachte ich immer, es ginge alleine um die NS-Ideologie, der meine Eltern gefolgt sind. Doch das war ganz offensichtlich zu kurz gedacht. Es geht nicht nur darum, sondern auch um die emotionale Haltung, die ich „gelernt“ habe. Ich bin der Überzeugung, dass mich das ganz wesentlich ausmacht und eben nicht nur, was ich denke und wovon ich überzeugt bin.

Die Struktur meiner Emotionalität lässt mich sein, wie ich bin, die Struktur meines Denkens hingegen lässt mich denken, was ich denke. Beides zusammen macht mich aus, ist meine Persönlichkeit. Sehr bewusst geworden ist mir das durch die Literatur über die Personen des Dritten Reichs, Bücher wie „Du trägst meinen Namen“, „Hitlers Hofstaat“ oder „Hitlers Arzt Karl Brandt“, wobei mich das letzte Buch besonders beeindruckt hat.

Wie ich bin ist entscheidend

„Eigentlich“ habe ich auf Grund der Tatsache angefangen zu lesen, dass mein Vater unter Karl Brandt gearbeitet hat. Wirklich berührt hat es mich jedoch, als mir die Emotionalität des Menschen „Karl Brandt’ bewusst wurde. Da begriff ich, dass mich nicht allein ausmacht, was ich tue, sondern dass das Wie, wie ich also bin, eine enorme Rolle spielt.

Bisher dachte ich immer, dass es neben dem 6. Sinn auch einen 7. Sinn gibt, die Propriozeption des Denkens, die auch David Bohm beschrieben hat, einer der modernen Vertreter des Dialogs. Doch das ist nicht alles, es ist nicht das Ganze, das mich zu dem Menschen macht, der ich bin: Es kommt noch der 8. Sinn hinzu, die Propriozeption der Emotionalität.

Die Lage meines Körpers kann ich ohne hinzuschauen nicht wahrnehmen, habe ich kein inneres, implizites Gewahrsein von ihm – das ich aber nicht beschreiben könnte. Auch die Tastatur bediene ich exakt so. Muss ich hinschauen, wird es schwierig, schaue ich nicht hin, dann treffe ich (meist) die Tasten, könnte aber nicht erklären, wo jetzt das ‚e‘ und wo das ‚z‘ sind – dafür müsste ich hinschauen.

So ist es auch mit meinem Denken und meinen Emotionen. Schwer zu erklären, was ich denke oder empfinde oder gar, warum ich so und nicht anders denke oder empfinde. Aber wie bei der Tatstatur habe ich erst einmal registriert, wo das ‚e‘ und das ‚z‘ sind. Dann habe ich gelernt, Taste um Taste ‚blind’ zu finden, habe das explizite zu implizitem Wissen gemacht. So ist es mit dem 6., 7. und 8. Sinn. Es sind eben Sinne, wir können gut erklären, was sie wahrnehmen, aber nicht wirklich, wie sie das machen.

Der 6., der 7. und der 8. Sinn machen mich in meiner Persönlichkeit aus; wie ich mich bewege, wie ich denke und wie ich emotional unterwegs bin. Das ist der Weg, mich aus der Geschichte meiner Familie zu lösen: Ich brauche mich nur aus dem Übernommenen zu lösen – körperlich, intellektuell und emotional – was eben nicht so einfach ist, denn ich muss explizites Wissen verinnerlichen. Das ist, was mich ausmacht, ohne dass es mir bewusst wäre. Doch wenn ich mir dessen bewusst bin, kann ich es auch ändern.

So wurde mir bewusst, dass ich mich teilweise nicht nur bewegte wie mein Vater, sondern dass ich auch dem gleichen persönlichen Selbstverständnis wie meine Eltern folgte. Als letztes wurde mir ihre Emotionalität in mir selbst bewusst. Und das war vielleicht das Entscheidende, das Zünglein an der Waage. Alles Dinge, in die ich „hineingewachsen“ war. Will ich jedoch ein eigenständiger Mensch sein, muss ich da wieder herausfinden.

Also muss ich meine Art mich zu bewegen, die Struktur meines Denkens und meine Emotionalität sehr genau reflektieren und hinterfragen, will ich zu mir selbst finden, was nicht bedeutet, dass ich explizit wüsste, was „das Selbst“ ist. Dabei kam mir wieder einmal die „Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft“ von Étienne de La Boétie in den Sinn. Wie schnell man (also auch ich) doch bereit ist, sich zu korrumpieren, nur um ein Stückchen von der Macht abzubekommen.

Überhaupt nicht lustig

Was wir manchmal als unterhaltsam empfinden, etwa die Bücher „1984“,  „Schöne neue Welt“ oder Erzählungen wie „Das Land der Blinden“, aber auch nüchterne Analysen wie „Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft“ – all das nehmen wir oft nur als Unterhaltung wahr.

Doch wenn wir genau hinschauen würden, dann ist es ein Blick in den Spiegel. Das ging mir durch den Kopf, als ich mich fragte, was mir die Geschichte von Star Wars (ich schaute „Das Erwachen der Macht“ an) über meinen Vater und mich erzählt. 

Es liegt ausschließlich an mir selbst, welcher Seite ich mich anschließe. Ob es die „Richtige“ ist, das muss ich für mich selbst entscheiden. Dazu muss stehen und es vor der Welt verantworten.

Es gibt keinen Schiedsrichter, außer der Frage, ob mein Verhalten konstruktiv für das Ganze ist – oder nicht. Einer Sache bin ich mir sicher: Dieser innere Kampf, mich nicht von der falschen Seite verführen zu lassen, der bleibt, immer. Was richtig oder falsch sind ist, ist immer nur im Nachhinein beantwortbar, im Vorhinein ist das, was ich tue, immer nur ein Ausdruck meiner aktuellen inneren Haltung. Manchmal wird das zu einem inneren Kampf, sich nicht zu verhalten wie der Mainstream.

Mein Vater hat diesen inneren Kampf verloren, er hat sich verführen lassen und ist vor sich selbst und der Welt schuldig geworden. Auch bin immer wieder in Versuchung geraten und auch ordentlich gestolpert. Aber ich habe – bis jetzt – noch immer rechtzeitig die Kurve gekriegt. Jedenfalls hoffe ich das.

Ob ich ausgerutscht oder gar gefallen bin, das werden die Generationen nach mir beurteilen.

Verantwortung

Es gibt Dinge, von denen man sich nicht vorstellen kann, dass man sie selbst tun würde. Etwa dass man Menschen köpfen, vergiften, aus egoistischen Gründen oder einfach nur aus wissenschaftlichem Interesse quälen und auch töten könnte.

Wir weisen es weit von uns, wenn jemand behaupten würde, dass wir dazu fähig wären. Aber können wir uns dessen sicher sein? Was hat etwa meinen Vater, wie auch viele andere, ganz selbstverständlich solche Taten organisieren oder viele auch selbst begehen lassen?

Das ist die Frage, der ich mich stellen muss. Denn ich bin ganz fraglos in dem selben Moment dazu fähig, in dem ich glaube, dass es notwendig sei, um mich selbst oder mir Nahestehende zu schützen. Manchmal genügt es schon, wenn die „Ehre“ angegriffen wird. Ich muss es einfach nur glauben, dass es richtig wäre, es zu tun. Und dann werde ich es auch tun.

Es fängt klein an und steigert sich dann. Immer „nur“ ein kleines bisschen mehr. So einfach ist das. Nur ein kleiner Schritt. Und noch einer. Und wieder einer. Auch im Dritten Reich begann es mit eine feinen Verschiebung in den Grundeinstellungen der Menschen, um das uns heute nicht Vorstellbare für die Menschen damals vorstellbar werden zu lassen.

Das Einzige, das uns davor bewahren kann, ist eine Haltung, wie sie beispielsweise Dietrich Bonhoeffer oder die Geschwister Hans und Sophie Scholl hatten. Doch das ist kein absoluter Schutz, denn woher sollen wir wissen, dass unsere Einstellung die richtige ist? Das können wir nicht.

Ich muss mir darüber im Klaren sein, dass ich nie wissen kann, ob ich „richtig“ liege, das ist unmöglich. Es zu glauben, gibt mir keine Garantie. Was also kann ich tun, was muss ich tun? Wie kann ich mir sicher sein, auf der der Situation angemessenen Seite zu sein?

Ich kann im Einklang mit dem Gesetz handeln. Oder im Einklang mit dem Commonsense. Oder mit einer Religion, einer Weisheitslehre, einer Philosophie, wissenschaftlicher Erkenntnis. Doch ich werde nie wissen können, ob ich damit „richtig“ liege.

Ich muss immer selbst verantworten, was ich tue. Das kann ich weder delegieren, noch kann es mir ein anderer abnehmen.

Gegenentwurf

Wie kann ich mich aus der Geschichte meiner Eltern befreien und lösen, jedoch ohne etwas zu leugnen, sondern es ganz bewusst vor meinem inneren Auge zu haben, jedoch nicht so zu leben wie sie?

Dies beginnt mit dem Wissen und der Erkenntnis, dass mich seit meiner Zeugung und erst recht nach meiner Geburt ihr Denken ganz maßgeblich der werden ließ, der ich bin.

Einmal körperlich über Genetik und Epigenetik, zum anderen habe ich die Welt nicht kennengelernt, wie sie ist, sondern ich konstruierte mir die Welt auf sozialer wie auf persönlicher Ebene.

Dass ich das noch immer tue – auch wenn mir das vielleicht nicht so bewusst ist, wie es mir bewusst sein sollte –, löst mich aus ihrer Geschichte, die ich in mein eigenes Leben integriert habe.

Dadurch, dass ich erkenne, dass ich mir nicht nur meine Welt, sondern die Welt an sich gedanklich konstruiere, habe ich das Hilfsmittel in der Hand, das ich brauche. Es liegt an mir selbst, in welcher Welt ich lebe, denn ich selbst denke mir nicht nur die Welt, sondern vor allem auch mich selbst.

„Wie hätte ich gelebt, wenn ich in der Zeit des Nationalsozialismus gelebt hätte?“ ist eine müßige Frage, denn entscheidend ist, wie ich heute lebe. Wie heißt es doch so schön? „Hätte, hätte Mopedkette!“ Also absolut kein Konjunktiv!

Also nehme ich all die Überzeugungen, die sie brauchten, um so zu leben und zu tun, was sie 33 bis 45 taten – und mache mir einen Gegenentwurf. Aber nicht nur das, ich lebe ihn auch!

Selbstwert

Selbstwert ist nicht mehr als ein Gefühl. Für mich ist das zwar Realität, wie auch für einen anderen, aber es ist keine Existenz, nichts was real existieren könnte. „Nur“ ein Gefühl. Aber verdammt mächtig.

Diese innere Haltung kann gut sein oder auch nicht. Entscheidend ist, worauf es fußt. Von meinen Eltern habe ich gelernt, dass ein „Zettel“ selbstbewusst ist – und nicht selbstbewusst zu sein hat oder so etwas.

Ein „Zettel“ ist ganz einfach selbstbewusst. Sozusagen ein nicht zur Diskussion stehendes Faktum, so wie ich braune Augen habe. Das habe ich kommentarlos über- und angenommen.

Was bei mir zu einer heftigen inneren Diskussion führte. Zum einen definierte ich mich darüber, ein „Zettel“ zu sein, zum anderen wollte ich, wie mein Bruder immer sagt, mit der Familie nie wirklich etwas zu tun haben. Ein perfekter innerer Widerspruch. Das kann einen ganz schön aufreiben.

Jedenfalls mich. Genau das war der innere Widerspruch, der mich mein Leben lang im Griff hatte. Das brachte mir Erfolge und gleichzeitig auch berufliches Scheitern. Erfolg und Scheitern, untrennbar in mir verbunden.

Es wurde noch extremer, als ich erkannte, dass meine Vater im Dritten Reich nachweislich eine unrühmliche Rolle gespielt hat. Doch ich konnte ihn nicht loslassen. Was mir heute endlich klar geworden ist.

Weil ich mit seinem Namen identifiziert war. Die einzige Zeit, wo ich dieses Problem nicht hatte, war im Internat und während des Studiums, da wir ich einfach nur Peter, mein Nachname interessierte niemanden.

Das war die einzige Zeit, in der ich mich mit mir selbst identifizierte – und nicht über den Namen meines Vaters, von dem ich weiß, dass er Schuld auf sich geladen hat. Bis heute, denn heute ist mir klar geworden, dass ich mich die ganze Zeit über seinen Namen mit ihm identifiziert habe.

Ich weiß ja schon seit geraumer Zeit, dass mein Vater sich im zweiten Weltkrieg und in der NS-Zeit mit Schuld beladen hat, aber ich kam nicht aus der Bindung an ihn heraus, weil ich ihm noch anhaftete. Über die Identifikation mit seinem Namen.

Also werde ich mir einen anderen Weg suchen, über den ich Selbstvertrauen und Selbstverständnis für mich gewinnen kann. Jedenfalls nicht mehr über seinen Namen.

Mein Vater

Er saß in meinem Kopf und machte dort was er wollte. Jedenfalls so lange ich nicht klar mit ihm kam. Gut, wenn man noch mit ihm reden kann. Weil ich das nicht kann, kann ich das nur in Aufstellungen tun.

Meine Beziehungen in der Natur, der Welt und in der Gesellschaft sind das, was mich ganz maßgeblich ausmacht. Und natürlich auch so teilweise stark belastete emotionale Beziehungen wie die zu meinen Eltern. Epigenetik lässt grüßen.

Seit ich mein Verhältnis zu ihnen auf die Reihe gebracht habe, geht es mir ganz entschieden besser. Es beherrscht einfach nicht mehr mein Leben. Mein Vater sitzt nicht mehr in meinem Kopf, was nicht bedeutet, dass ich seine Taten vergessen oder gar in irgendeiner Weise rechtfertigen würde.

Der erste Schritt war überhaupt in Erfahrung zu bringen, was er tatsächlich gemacht hat. Das brachte Klarheit in mein Hirn. Was erst einmal nicht erfreulich war, sondern grausam. Nur es hatte nichts mit mir zu tun, ich war daran überhaupt nicht beteiligt. Es geschah vor meiner Zeit, ich war da noch gar nicht geboren.

Ich regte mich zwar darüber auf, wie er war, aber das hatte nichts mit mir zu tun. Das habe ich nach einiger Zeit begriffen. Dann habe ich versucht zu verstehen, wie es dazu kommen konnte. Was auch nicht so erfreulich war, denn mir wurde klar, dass jeder Mensch in ein ganz ähnliches Dilemma kommen kann. Wirklich jeder, also auch ich.

Die Anlage dazu haben wir alle. Niemand kommt gut oder böse auf die Welt. Das Destruktive, im Ernstfall auch das Töten, ist genauso ein Erbe des Menschen wie die Moral, die wir haben, um die eigene Gemeinschaft zu schützen und wachsen zu lassen. Sind beide Elemente in Balance, passt alles. Das hört auf, wenn eine der Seiten übermächtig wird.

Mit dem Wissen ihrer ganzen Geschichte erscheinen uns viele Menschen, wie mir mein Vater, janusköpfig oder wie ein Wechselbild. Mal sehen wir das Eine, mal das Andere, je nachdem, was wir im Kopf haben, was wir wahrnehmen wollen (!!). Aber diese Zwiespältigkeit als ein einziges Bild wahrzunehmen ist schwierig, vielleicht nur unter besonderen Voraussetzungen realisierbar.

Liest man sich in die Geschichte der NS-Zeit ein, dann merkt man schnell, dass das kein „historischer Unglücksfall“ war und die Menschen nicht unmenschlich, sondern sehr menschlich gehandelt haben. Das ist das für mich wirklich Erschreckende, nämlich dass wir Menschen alle in der Lage sind, grausige Dinge zu tun, wenn wir uns dazu verführen lassen.

Verantwortung

Mein Vater musste verantworten, was er getan hatte. Wie es dazu kam, ist dabei ohne Bedeutung, es zählt nur die Tat als solche. Dass er sich (wohl) verführen ließ, entschuldigt nichts. Was ich ihm als sein Sohn vorwerfen könnte, das ist, dass er und meine Mutter den Mantel des Schweigens darüber gebreitet haben und wir auch als Familie nur ein konventionelles Leben führten, aber keine wirkliche Gemeinschaft, eine, die den Namen „Gemeinschaft“ wirklich verdient hätte. Das war dem Schweigen geschuldet, damit ja nichts ans Licht kommen konnte. Dass ich diese Tradition später selbst auch so gelebt habe, weil ich mir nicht bewusst war, dass ich genau das fortsetzte, macht es wahrlich nicht besser und für mich nicht einfacher.

Doch vorwerfen könnte ich es ihnen nur dann, wenn ich davon ausginge, dass sie sich dessen überhaupt bewusst waren, was dieses Schweigen für meinen Bruder und mich bedeutet hat. Wir spürten, dass etwas nicht stimmte, doch niemand sprach mit uns darüber. Dass ich das an meine Kinder weitergegeben habe, das wiederum ist meine eigene Verantwortung. Jetzt denke ich zu verstehen, was Hellinger mit dem Satz „unschuldig schuldig werden“ wohl sagen wollte.

Was für mich als Sohn bleibt, das ist, dass meine Eltern zu uns Kindern nicht offen waren, sich nicht „gezeigt“ haben. Das ist, was ich ihnen vorwerfen kann, was ich aber auch vergeben kann. Vielleicht muss ich dafür noch ein paar Lektionen Aikido lernen. Das andere und viel Schwerere ist Sache der Opfer. Das ist ihre Schuld, die ich nicht für sie tragen kann.

Wie sagte Hannah Arendt? „Vergebung ist der einzige Weg, um den irreversiblen Fluss der Geschichte umzukehren.“ Ich denke, dass für mich der Schlüssel zum Öffnen der Verstrickungen mit ihm ist, ihn nicht zu bewerten und nicht über ihn zu urteilen; was keinesfalls bedeutet, dass ich seine Taten nicht beurteilen und nicht verurteilen würde. Das tue ich nämlich.

Aufarbeitung

Man kann das Dritte Reich ganz sachlich betrachten, doch will man diese Zeit und die Menschen wirklich verstehen, ist es notwendig, ihre soziale Situation mit zu erfassen, jedoch ohne dass dadurch etwas beschönigt werden könnte.

Dr. Leo Alexander, medizinischer Sachverständiger im NS-Ärzte-Prozess, fasste seine Gedanken zu den Begrenzungen, unter denen der Prozess gegen die NS-Ärzte litt, wie folgt zusammen: „Die Anklage … gibt eine genaue und prägnante Aufstellung der Morde und Grausamkeiten, die im Verlauf der medizinischen Experimente begangen wurden. Sie nimmt für sich jedoch nicht in Anspruch, die Motive zu diskutieren, die die Angeklagten dazu bewegten, diese Experimente zu befehlen, sie zu unterstützen oder sie durchzuführen.“

Diese Aussage findet ihre Entsprechung vielleicht in der Aussage von Primo Levi, einem Auschwitzüberlebenden: „Der Unterdrücker bleibt, was er ist, und das Opfer ebenfalls: Sie sind nicht austauschbar, der erstere muss bestraft werden, man muss Abscheu vor ihm empfinden (allerdings sollte man auch versuchen, ihn zu verstehen), der zweite ist zu bemitleiden, und ihm muss geholfen werden. Aber vor der Ungeheuerlichkeit des Faktums, das sich unwiderruflich ereignet hat, brauchen beide Schutz und Zuflucht, und sie gehen instinktiv auf die Suche danach.“

Nur so ist der Satz von George Santayana „Wer sich der Geschichte nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen“ für mich verständlich.

Ohne Zorn und ohne Eifer sein

Das hat mir die Beschäftigung mit der Geschichte meiner Eltern beigebracht.

Aus den Aufstellungen, die ich gemacht habe, schließe ich, dass meine Eltern respektieren und anerkennen, dass ich ihre Geschichte offengelegt habe, die ja auch ein wesentlicher Teil meiner eigenen Familiengeschichte ist.

Das ist für mich versöhnlich, ohne etwas zu ignorieren. Die Schwierigkeit ist für mich, dass wir nie darüber sprachen und ich es nur in den Aufstellungen erlebt habe.

Wo viele der früheren Täter noch immer vor Zorn und Wut nicht sehen konnten, was um sie herum war, vor allem wie sie selbst waren, haben sie wohl ihre Taten gesehen, sonst hätten sie mich nicht sehen können.

Das versöhnt mich auf gewisse Weise mit ihnen, auch wenn die Trauer bleibt, eine tiefe Trauer, die sich auf ihr Leben wie auch auf mein Leben bezieht.

Ohne Zorn und ohne Eifer sehen können, was ist; jedoch ohne es hinzunehmen, wenn ich etwas tun kann. Auf gewisse Weise ist dies zu dem Leitmotiv meines Lebens geworden.

Lange Zeit war Zorn gegen alles Falsche in mir, und ich bekämpfte es mit Eifer. Doch das nagte an meiner Seele, wenn es die gibt; es machte mich hart, auch gegen mich selbst.

Als Strafverteidiger war der Satz „Ich kann es verstehen (im Sinne von nachvollziehen), aber nicht akzeptieren!“ ein Standardsatz von mir, was aber nur meinen Zorn über das Falsche hinter der Maske des Verständnisvollen verbarg.

Eine TCM-Therapeutin hat es freundlich als „Strenge“ bezeichnet. Ich sage mittlerweile, es hat mich hart gemacht. Also muss ich wieder weich, aber nicht sülzig werden.

Eines habe ich gelernt: So, wie es die Banalität des Bösen gibt, gibt es auch die Banalität des Guten: Ich kann lernen, auch in schwierigen Situationen ohne jegliches Getue Ganz selbstverständlich das Stimmige und Angemessene zu tun.

Das Böse und das Gute ist in jedem Menschen. Mein Vater, der sich im Dritten Reich schuldig gemacht hat, war ein Mensch, genauso wie Nelson Mandela. Die Frage ist, welcher Seite man sich und letztlich ich mich zuwende.

Doch dafür ist es notwendig, beide Seiten in sich anzuerkennen und sich klar für die Seite des Guten zu entscheiden.

Meine eigene Verantwortung

Wie aber übernehme ich Verantwortung für das, was war? Gerade habe ich einen Satz gelesen, der mich sehr nachdenklich gemacht hat: „Aber Verantwortung übernehmen auch für Geschehnisse, die weiter zurückliegen – das tun (manche) Politiker, das tut nun auch Marx.“ So war es in der aktuellen NN zu lesen in einem Text über das Rücktrittsangebot von Kardinal Marx an den Vatikan.

Es ist keine Frage, dass ich keine Schuld an dem trage, was geschehen ist und was mein Vater wie meine Mutter getan und zugelassen haben. Aber ich trage Verantwortung dafür, dass nicht der Mantel des Schweigens darübergebreitet wird oder bleibt. Oder dass der Versuch unternommen wird, mit dem regelrecht aufzurechnen, was im zweiten Weltkrieg die Deutschen haben erdulden müssen.

Auch die Feststellung, dass die Juden, Sinti und Roma nicht erst von den Deutschen verfolgt wurden und auch, dass es Konzentrationslager schon davor gab, all das ändert nichts an der Grausamkeit und dem Leid, dass Menschen angetan wurde. Es ist durch nichts zu rechtfertigen oder zu beschönigen.

Für all das trage ich nicht die Schuld, aber es stellt mich als Sohn und Deutscher in die Verantwortung. Das beginnt damit, dass ich schonungslos aufzuklären habe was war. Und nicht ausweiche, weil es mir weh tut, dass meine Eltern getan haben, was sie taten. Die Trauer darüber, was den Opfern angetan wurde, die bleibt.

Die Vergangenheit hat auch mich geprägt, hat mich hart werden lassen, auch gegenüber meiner eigenen Familie. Auch das gehört zu meiner Verantwortung, diese Verhaltensweisen überhaupt zu erkennen und sie vor allem aufzulösen. Es ist meine Verantwortung, dazu zu stehen und die Konsequenzen zu tragen.

Es ist auch meine Verantwortung zu tun, was in meiner Macht steht, dass so etwas nicht wieder passiert. Das bedeutet, die Verantwortung für das zu übernehmen, was war. Genauso bedeutet es, die Eigenverantwortung für mich selbst rückhaltlos zu übernehmen. Aber das geht wesentlich tiefer, als ich bisher dachte.

Mir ist über die Zeit, in der ich mich mit der Geschichte meiner Eltern befasse, klar geworden, wie sehr meine Eltern in mir stecken. Bert Hellinger soll einmal gesagt haben, dass wir keine Eltern haben, sondern unsere Eltern sind.

Als Jugendlicher und auch später, war ich mir sicher, dass ich es anders mache als meine Eltern. Tatsache ist, dass es genau umgekehrt war, einfach weil ich ihre Denkstruktur übernommen hatte. Nicht jeder weiß das und es dauert darüber hinaus lange, das auch zu akzeptieren. Daher gehört es auch zu meiner Verantwortung zu erkennen, was ich von meinen Eltern übernommen habe. Da hilft es auch nicht zu wissen, dass das unbewusst geschieht.

Erst einmal ist die Frage, was mich geprägt hat und dann, wie ich da wieder rauskomme. Meine Eltern waren eben meine Vorbilder. Wie ich mich verhalte, ob privat oder im Beruf, das habe ich vielfach von ihnen gelernt. 

Dass mein Gehirn ein Gewohnheitstier ist, entlastet mich nicht. Genau das muss ich verantworten. Auch viele politische Überlegungen meiner Eltern habe ich übernommen, ohne wirklich darüber nachzudenken. Manchmal muss man tiefer graben, bis man darauf kommt, was wirklich hinter einem scheinbar harmlos klingenden Spruch wirklich steckt.

Es geht um die Bewusstheit meines Denkens, um Propriozeption. Vielleicht ist das die wichtigste Verantwortung, die ich übernehmen muss, die Verantwortung für mein eigenes Verhalten, das ja auf meinem Denken basiert.

Jenseits der Worte

Erst jenseits des Bewertens, Urteilens und Verurteilens kann man klar sehen.

Ich habe mich wieder und wieder gefragt, warum ich bei Besuchen in KZs immer nur für einen kurzen Moment etwas empfand, doch dann sofort wieder eine kontrollierte Haltung annahm. Ich konnte zwar sachlich darüber reden, aber ich empfand wenig dabei; innerlich blieb ich distanziert.

Als ich einen Bericht über junge Israelis sah, die während ihrer Schulzeit stets einmal nach Auschwitz fahren, fiel mir auf, dass einige tief berührt von dem waren, was ihnen dort begegnete, andere jedoch überhaupt nicht, sondern distanziert blieben – wie ich. Was aber ist der Grund dafür?

Als ich das Buch „Roman eines Schicksallosen“ von Imre Kertész las, war es das erste Mal, dass ich dabei nicht über etwas Spezifisches nachdachte, sondern nur noch eine tiefe Traurigkeit empfand, Traurigkeit und eine Art Verzweiflung. Etwa Ähnliches erlebte ich auch in dem KZ Ravensbrück, als ich einen regelrechten Weinanfall bekam und wieder gehen musste. Danach war da nur noch (Intellektuelle) Fassungslosigkeit.

Was aber war das? Imre Kertész versucht in seinem Buch nicht, das Grauen darzustellen, sondern er schildert den Alltag im Konzentrationslager aus der Sicht eines fünfzehnjährigen Häftlings, ohne zu werten oder nach Erklärungen zu suchen.

Weshalb nur löst der „Roman eines Schicksallosen’ diese Fassungslosigkeit aus, die einen schier um den Verstand bringt? Die Welt des Lagers entzieht sich durch die konsequent festgehaltene Perspektive des Kindes der moralischen Bewertung und lässt einen moralischen Widerstand gar nicht erst aufkommen.

Diesem erschütterndem Perspektivenwechsel verdankt der Roman wohl seine Wirkung. Weg von dem Ankläger, stattdessen die Welt mit den Augen des Protagonisten erleben. In dem Moment aber, in dem der Schutzwall des Bewertens, Anklagens und Verurteilens wegfällt, sieht man, sah ich die Situation unverstellt.

Man sieht Auschwitz aus der Sicht eines Jungen, der das System Auschwitz zu verstehen sucht, um am Ende gar vom „Glück der Konzentrationslager“ zu sprechen. Und genau das offenbart die Tragik der KZs und der Politik des Dritten Reiches deutlicher als jedes Urteil, das ich darüber fällen könnte. Und es legt auch die Verstrickung der Täter in das Elend offen, ohne ein Urteil, mit schonungsloser Direktheit.

Es ist die ungebrochene Hoffnung des Protagonisten, diese Hoffnung in der Ausweglosigkeit, die mich die Grausamkeit dieses System wirklich erkennen ließ. Nach der Rettung aus dem Konzentrationslager braucht der Protagonist nur einen einzigen Tag in Budapest, um zu begreifen, dass er sich nirgendwo mehr heimisch fühlen kann, denn zwischen ihm und den zu Hause Gebliebenen hat sich eine unüberbrückbare Kluft des Unverständnisses aufgetan.

Es ist das gleiche Unverständnis, das auch wir hinter allem Urteilen und Missbilligungen haben. Es ist einfach nicht vorstellbar, doch durch den Roman wird es erfahrbar. Imre Kertész zeigt den Holocaust nicht als Tragödie des Judentums oder des 20. Jahrhunderts, sondern als Bankrott unserer christlich-europäischen Kultur. Er versucht nicht, das Grauen auszumalen, sondern er schildert den Alltag in einem Konzentrationslager aus der Sicht eines Kindes, ohne zu werten oder nach Erklärungen zu suchen. Gerade das macht den „Roman eines Schicksallosen’ zu einer erschütternden Lektüre.

Stattdessen hält er uns einen Spiegel vor: „Habt ihr bemerkt, dass in diesem Jahrhundert alles eigentlicher wird, sein eigentliches Selbst offenbart?“, schreibt Kertész. „Der Soldat wird zum Berufsmörder, die Politik zum Verbrechen, das Kapital zu einem mit Krematorien ausgerüsteten Menschenvernichtungsbetrieb. Unser Zeitalter ist das Zeitalter der Wahrheit, ohne jeden Zweifel.“

Dieser Roman machte mir klar, dass das, was im Dritten Reich passierte, nicht unmenschlich war, sondern eben menschlich. Und dass es aus genau diesen Gründen immer wieder passieren kann, wenn wir weiter von der „Unmenschlichkeit“ dieser Zeit sprechen. Denn das stimmt nicht. Das ist für mich der Grund, mich nicht weiter in der Konvention zu bewegen.

Werte und Wirklichkeit

In der Auseinandersetzung über das Dritten Reich geht es um Wirklichkeit – und nicht um Werte. Lange Zeit habe ich meine Eltern aus der Perspektive „Werte“ gesehen – und entsprechend beurteilt und damit über sie geurteilt. Wie überhaupt über viele, mit deren Handlungen ich nicht einverstanden war. Aber ich habe wenig oder auch überhaupt nicht über das nachgedacht, was sie wie viele andere auch für wirklich gehalten haben.

„Werte“ sind für uns wahr, weil wir sie empfinden, und deshalb ist es müßig, darüber diskutieren zu wollen. Über Wirklichkeit hingegen kann ich reden, das kann ich klären, sofern ich bereit bin, mich darauf einzulassen.

Wenn sich sehr viele Menschen darin einig sind, dass die Musik Beethovens gute Musik ist, dann kann das niemand entkräften; über Wirklichkeit hingegen kann ich sachlich reden – wenn ich dazu bereit bin. Wirklichkeit kann – und muss – ich validieren. So wie die Behauptung, dass die Juden die Ursache der Probleme Deutschlands waren, nur weil viele dies glaubten.

Das habe ich mit der Beschäftigung mit der Geschichte meiner Eltern gelernt – es geht in erster Linie um Wirklichkeit und gerade nicht um Werte. Darüber zu reden ist der einzige Weg, unheilvollen Entwicklungen zu begegnen. Denn Werte definieren sich ja nicht im luftleeren Raum, sondern über das, was ich oder ein anderer für wirklich hält.

Bewerte ich, erreiche ich genau das Gegenteil dessen was ich eigentlich will, ich verstärke das Bewertete, obwohl ich es ja eigentlich schwächen will, denn gegen Empfindungen komme ich nicht an. Über Wirklichkeit aber kann ich reden und auch argumentieren. Hier geht es ja gerade um die Auseinandersetzung darüber.

Verantwortlichkeit

Die Beschäftigung mit den Taten meines Vaters im „Dritten Reich“ hat mich viel über Verantwortlichkeit gelehrt.

Adolf Hitler verfügte am 1. September 1939 Folgendes: „Reichsleiter Bouhler und Dr. med. Brandt sind unter Verantwortung beauftragt, die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann.“

Doch das entbindet den Arzt nicht von der Verantwortung für sein Tun. Karl Brandt selbst räumte später ein, dass das Führerprinzip, der bindende staatliche Befehl, auf das Handeln eines Arztes nicht anwendbar sei. Brandt appellierte im Rahmen der Euthanasie, die ihm schlussendlich bekannt war und die er nicht leugnete, an die Verantwortung des einzelnen Arztes, nämlich dass ein Arzt unter keinen Umständen zur Euthanasie verpflichtet gewesen wäre, wenn er mit dieser infolge einer eigenen Entscheidung nicht einverstanden gewesen ist. Ein Arzt hatte demnach im Umkehrschluss förmlich die Verpflichtung, eine Euthanasie zu verweigern, wenn er eine solche nicht für richtig erachtete.

Die letzte Entscheidung traf der Arzt und dieser, und nicht Hitler, hatte eine solche zu verantworten. Auch Brandt schloss im Rahmen der Euthanasie den Missbrauch und „bedauerliche Zwischenfälle“ nicht aus, woraus man schließen darf, dass diese öfter vorkamen, als einige zur damaligen Zeit vermuteten. Erstaunlicherweise erregte die verhältnismäßig hohe Zahl der im Rahmen der Euthanasie getöteten Menschen in der Ärzteschaft selber keineswegs derartigen Unwillen, dass es zu größeren öffentlichen Protesten des Berufsstandes gekommen wäre.

(Entnommen aus „Unentschuldbare Schwäche. Der deutsche Arzt Karl Brandt – Das Leben und Wirken von Hitlers Leibarzt“ von Cornelia Lein.)

Das aber betrifft nicht nur den Arzt, also nicht nur meinen Vater. Nein, das betrifft jeden Menschen. Also auch mich. Die Verantwortung für mein Tun trage ich immer selbst, das muss ich immer selbst verantworten. Nie kann ich mich darauf zurückziehen, „angewiesen“ worden zu sein, ich kann mich nie hinter einem anderen verstecken.

Und auch nicht hinter „den Zeiten’, dem „Zeitgeist“ oder weil „es dann andere tun würden“.

Ausrichtung

Über sich hinauswachsen.“ Das habe ich gerade im Netz gelesen. Dr. Anna Sawerthal macht in dem Text deutlich, dass das Leben viele Herausforderungen für uns bereithält. An drei Beispielen zeigt sie auf, wie man diese meistern kann. Etwa durch Laufen als Achtsamkeitsübung. Eva Sperger zeigt, wie man sogar mit Überforderung umgehen kann. Oder wie Florian Fladerer, indem man eine schwere Krankheit akzeptieren lernt. Man kann auch wie Lisbeth Bitto tanzend Grenzen überwinden.

Auch für mich gibt es die Herausforderung, über mich hinauszuwachsen und den Sumpf des Alltäglichen zu verlassen: Nicht steckenbleiben in den Gedanken über das, was mein Vater getan hat, was er anderen Menschen angetan hat, sondern daraus konsequente Schritte für mein Leben abzuleiten.

Das bedeutet für mich, mich aus egoistischem Denken zu lösen, um frei für die Wahrnehmung der Wirklichkeit zu werden. Ich muss die Dinge sehen, wie sie sind – und nicht wie sie zu sein scheinen. Das bedeutet auch, emotional zu sein kann sehr gefährlich werden, denn dann sehe ich nicht, wie die Dinge tatsächlich sind.

Ich bin mir darüber im Klaren, dass Fragmentierung im Denken das Übel unserer Zeit schlechthin ist. Also tue ich alles, um das aus meinem Denken herauszubekommen. Und ich versuche andere zu bewegen, dasselbe zu tun. Ich glaube ernsthaft, dass das alles ist, was ich wollen muss. Einfach jeglichen Egoismus und jegliche Fragmentierung sein lassen.

Für mich verläuft die Grenze zwischen Gut und Böse in meinem Denken. Es besteht keine Notwendigkeit für mich zu wissen, was „das Richtige“ ist. Das beantworten zu wollen oder denken, es zu können, halte ich für Selbstüberschätzung. Wenn ich mein Denken, also meinen Geist, von jeglicher Selbstbezogenheit gelöst habe, bin ich eins mit dem kosmischen Geist, dann löst sich die Grenze zwischen Gut und Böse auf, dann lösen sich Gut und Böse auf.

Ohne Urteil sein

Eine wirkliche Herausforderung. Aber ich weiß, dass dies der Weg der Lösung für mich ist. Jedenfalls explizit weiß ich das. Was mein Vater im sogenannten „Dritten Reich“ getan hat, kann ich aus der gesellschaftlichen Perspektive sehen, so wie es in dem Zitat zum Ausdruck kommt:

Die meisten Ärzte hatten vorher nicht getötet, erst in der Nazi-Zeit erfolgte ihre Sozialisation zum Bösen, sagt Robert Ray Lifton. Von der Tochter eines NS-Arztes wurde er gefragt, ob er glaube, dass ein guter Mensch böse Dinge tun könne. „Ich denke schon“, antwortete Lifton, „aber dann ist er kein guter Mensch mehr.

Lifton vermutet, dass die meisten Mediziner auf ihre Profession vertrauten. „Doch Arzt sein ist nicht genug. Das ist ein vergebliches Hoffen auf einen ethischen Schutzmantel durch den Beruf“, sagt Lifton. „Der logische Schritt – Ärzte sind Heiler, wir sind Ärzte, also sind wir auch Heiler – stimmte nicht mehr.“

Die Folge war ein naturalistischer Fehlschluss. Was die Ärzte damals machten, war – und ist – eine unrichtige Aussage beziehungsweise Annahme über Wirklichkeit und eben keine Wertaussage. Das ist die andere Betrachtungsweise.

Mit der Aussage über Wirklichkeit kann ich mich auseinandersetzen, ohne meinen Vater zu bewerten oder zu verurteilen.

Richtig leben

Es gibt kein richtiges Leben im Falschen. Das sagte einmal Theodore Adorno. In Neuengamme, bei einem Gesprächsseminar von Angehörigen von NS-Tätern, begriff ich, dass das definitiv so ist.

Der Aufenthalt in Neuengamme beinhaltet für mich die klare Botschaft, mich aus allem Falschen, Seichtem, Oberflächlichem und der so normalen Konvention zu verabschieden.

Dabei muss ich nicht wie die Eremitin in dem Film von Norbert Busè in die völlige Einsamkeit gehen. Ich sehe meine Verpflichtung aus meiner (Familien-) Geschichte gerade darin, in der Gesellschaft zu bleiben und darüber zu sprechen, was ich erkannt habe; mich also nicht zurückzuziehen; sondern im Einklang mit der Wirklichkeit zu leben zu suchen.

Ich muss niemanden bekehren, sondern einfach nur stimmig leben. Nicht zu reden bedeutet nicht nur schweigen zu können; es bedeutet auch, mich nicht ständig mit was auch immer abzulenken. Es bedeutet vor allem, wesentlich und wahrhaftig zu leben.

Niels Bohr hat erkannt, dass Realität nicht einfach „da“ ist, sondern sie wird durch Beobachtung geschaffen. Was immer das auch bedeutet, es ist einer der Gedanken, denen es für mich auf den Grund zu gehen gilt, um sie zu verstehen um so die Realität zu gestalten, die stimmig ist, die also im Einklang mit der Wirklichkeit ist.

Es genügt nicht, das Richtige zu wollen, ich muss auch lernen zu verstehen, wie Realität überhaupt entsteht, damit das Richtige überhaupt entstehen kann. Das verlangt von mir vor allem, nicht zu bewerten und nicht zu urteilen. Letztlich verlangt es von mir, auf eine ganz andere Art und Weise zu denken als gewohnt.

Ein Gedanke, den ich gerade hatte.

Ich will die Aspekte meines Vaters, die auch in mir sind, in mir zur Ruhe kommen lassen – damit ich sie entlassen kann, damit sie zu ihm gehen können.

Das bedeutet nicht, das „alles gut oder ungeschehen wäre“, das wird es nie sein. Und ich werde es auch nie vergessen können, es wird immer Teil meines Lebens sein.

Es bedeutet für mich das Geschehene anzunehmen, also auch die Taten meines Vaters, und die sich daraus für mich ergebende Haltung anzunehmen.

Haltung

Die „Auflösung“ der Frage, was das „Drittes Reich“ mit seinen erschreckenden Folgen möglich gemacht hat, findet sich kaum in der Geschichte, sondern im Empfinden und dem darauf aufbauenden oder daraus resultierenden Denken der Menschen.

An das Empfinden eines Menschen kommt man nicht heran, wohl aber an sein Denken. Ich habe keinen Einfluss auf das, was ich empfinde, wohl aber auf mein Denken – und damit auch auf mein Empfinden, denn das basiert letztlich auf meinem Denken.

Was nicht bedeutet, dass ich mein Denken „einfach so“ ändern könnte. Das ändert sich nur dann, wenn ich wirklich einsichtig bin und dies dann konsequent in meinem alltäglichen Denken auch um- und einsetze.

Das bedeutet für mich erst einmal bereit zu sein, mich selbst, also mein Denken, in Frage zu stellen. Und es bedeutet zu lernen, „ohne Grenzen zu denken“, wie Hannah Arendt es einmal genannt hat.

Einsicht

Was ich in meinem Leben als negativ, schlecht oder einschränkend erlebe, sagt nichts darüber aus, wie ich darauf reagiere. Dazu eine Episode aus dem Leben von Hannah Arendt:

„Der Kriminalbeamte, der mich verhaftete, mit dem freundete ich mich an. Und das war ein reizender Kerl! (…) Und er sagte immer: „Ick hab Sie hier herein jebracht, ick krieg Sie auch wieder raus. Nehmen Sie keinen Anwalt, die Juden haben doch jetzt kein Geld, sparen Sie Ihr Geld!“ (…) So ein offenes anständiges Gesicht, ich verließ mich und dachte, das ist meine viel bessere Chance als irgendein Anwalt, der ja doch bloß Angst hat.“ Und sie kam raus und konnte Deutschland verlassen.

Eine Geschichte, die mich sehr an Nelson Mandela erinnert, der in seinen Gefängniswärtern freundliche Menschen sah. Und so war es dann auch. Was Hannah Arendt und auch Nelson Mandela von mir unterscheidet ist, dass ich erst die Chance erkennen musste, die in dem Schwierigen liegt. Denn ändern kann ich das nicht, aber ich kann meine Haltung ändern und die darin liegende Chance für mich selbst erkennen.

Erinnerungskultur

Was bedeutet es für mich, mich an den Nationalsozialismus zu erinnern? Das hat verschiedene Seiten: die der Opfer, der Täter und der Mitläufer. Die Frage ist, wie ich ihnen begegne; vor allem aber, was das mit mir zu tun hat. Wichtig ist dabei zu wissen und nicht zu verdrängen oder zu relativieren, dass mein Vater zu den Tätern gehörte.

Viele mit einem Täter in der eigenen Familie begegnen den Opfern mit Schamgefühlen. Dabei darf ich aber nicht vergessen, dass mit Scham das unangenehme Gefühl bezeichnet wird, das man hat, wenn man sich vor anderen Menschen in einer peinlichen Situation befindet. Empfinde ich Scham für die Taten meines Vaters, mache ich mich damit selbst zum Opfer.

Die richtige Haltung ist, mich zu emanzipieren und insoweit die Bindung zum Täter zu durchtrennen, damit das Leben weitergeht, für mich und für meine Nachkommen.

Das wäre ein guter Ausgleich zwischen mir als „Opfer“ meines Vaters. Das hat auch Bedeutung für die Opfer, um die es tatsächlich geht. Indem ich mich schäme, mich also selbst zum Opfer gemacht habe, kann ich den Opfern nicht respektvoll gegenübertreten, denn dann relativiere ich mit meiner Opferhaltung mein Verständnis von ihnen.

Nur ist das gar nicht so einfach. Es verlangt von mir die Ideologie und die Verhaltensstrukturen meines Vaters zu erkennen, die ihn zum Täter werden ließen, und die ich von ihm durch Gene, Epigenetik, die Kultur, in der ich aufwuchs, wie durch Erziehung und sein Vorbild übernommen habe. Das bedeutet, mir selbst gegenüber sehr aufmerksam und auch selbstkritisch zu sein. Was nicht einfach ist, solange ich kein Wirklichkeitsmodell habe, das mich vor Fehltritten schützt.

Letzten Endes geht es erst einmal um mein Denken und um nichts anderes. Was nützt meine Erinnerungskultur, wenn ich mein Denken nicht von meinem nationalsozialistischen Erbe befreit habe? Denn das versucht, nur eine Erinnerungskultur zu sein, ist es aber nicht. Es verlangt Bewusstheit für das, was ich denke, was ich an meinen Ansichten und Gedanken sehen kann, also an dem, was mir tatsächlich bewusst werden kann.

Es ist also notwendig, das nationalsozialistische Erbe in mir selbst erst einmal zu transformieren, dann erst bin ich innerlich bereit für eine wirkliche Erinnerungskultur. Die wiederum ist nicht vergangenheits-, sondern zukunftsorientiert. Meiner Ansicht nach ein Muss. Doch wenn ich die Vergangenheit nicht erinnere, bin ich dazu verdammt, sie zu wiederholen, wie George Santayana es treffend formuliert hat.

Nicht die Zeit von 1939 bis 1945 steht im Fokus, sondern die Zukunft. Die Zukunft kommt zwar über die Gegenwart aus der Vergangenheit, im Idealfall jedoch ist sie nicht nur in der Lage, aus den vergangenen Fehlern zu lernen, sondern sie zu transzendieren.

Ich will das Leben wieder haben

Als Sohn meiner Eltern lebte ich lange in einer Welt, die ich zwar selbst erkundete, aber mit Hilfsmitteln und gedanklichen Konzepten, die ich von ihnen gelernt und mitbekommen hatte – bis zu dem Tag, an dem mir diese Konzepte bewusst und die Zusammenhänge und die Dynamik klar wurden.

Das bedeutete nicht, dass ich durch diese Erkenntnis frei geworden wäre, aber der Weg in die Freiheit wurde sichtbar; nämlich anders zu denken als sie, eben wie ich, eigenständig. Dazu muss ich erst einmal erkennen, wie ich mein Denken organisiere, all die Konzepte, Methoden, Frames und Weltbilder, die ich nutze, um mich von Gedanken lösen zu können, die mich in die Irre führen.

Zu denken, dass ich anders bin und anders leben würde als sie, genügt nicht. Erst wenn ich erkannt habe, wie ich von ihrer Kultur geprägt bin und das lebe, kann ich anders leben.

Verbundenheit

Ich bin mit mehr verbunden, als ich dachte. Das wurde mir bewusst, als ich über meine Beziehung zu meinen Eltern nachdachte. Wenn ich mich mit der Vergangenheit meiner Eltern im sogenannten Dritten Reich beschäftige, beschäftige ich mich ja auch mit mir, mit den Auswirkungen, die das auf mich hatte und hat. Zwischen Eltern und Kindern besteht ja eine Verbundenheit der ganz eigenen Art. Oft sieht man als Kind nur das Gegenwärtige, doch das ist zu kurz gedacht, denn ich erbe ja das, was mir die Eltern über Gene, Epigenetik und Erziehung mitgeben – ob ich das nun will oder nicht. Die Frage ist natürlich, wie ich damit umgehe, doch das ändert nichts an der Verbundenheit.

Verbundenheit ist ja nicht zwingend etwas Positives! Aber zurück. Ich fragte mich immer wieder, was mein Vater mir heute wohl auf meine Fragen antworten würde. Aber vielleicht habe ich bisher einfach nur die Antwort übersehen? Wie ich darauf komme? Ich war vor etwa fünf Jahren auf einer Familienaufstellung, in der es vor allem um meine Beziehung zu meiner Mutter ging. Das für mich Beeindruckende war dass die Stellvertreterin meiner Mutter beim Verlassen des Seminarraumes noch etwas aus der Rolle heraus zu mir sagen wollte. Als die Leiterin, die erst einmal etwas skeptisch schaute, das aber nicht verhinderte, sagte die Stellvertreterin – wie gesagt aus der Rolle –, dass sie sich bei mir bedanken wollte, dafür, dass ich so beharrlich recherchiere und nicht wegschaue.

Ich nahm das zur Kenntnis, machte mir aber weiter keine Gedanken darüber, wahrscheinlich, weil das meine Mutter zu Lebzeiten nie zu mir gesagt hätte, jedenfalls kann ich es mir nicht vorstellen. Wie dem auch sei, vor ungefähr zwei Jahren wollte ich wissen, ob meine Karotisstenose auch etwas mit der Geschichte zu tun hatte und stellte es auf. Die Begegnung mit meinem Vater war ausgesprochen freundlich, ja herzlich. Als die Leiterin aber einen Stellvertreter für seine Taten neben ihn stellte, herrschten die mich regelrecht an, warum ich denn nichts finden würde, das sei doch alles dokumentiert. Also machte ich mich auf die Suche und deckte die Geschichte meines Vaters ziemlich vollständig auf. Wäre aber alles schon vorher möglich gewesen, so gesehen war der „Anschiss“ berechtigt.

Das ging mir heute durch den Kopf und ich brachte beide Situationen zusammen. Ich erinnerte mich auch noch an eine frühere Situation in einer Aufstellung, als mein Vater (natürlich in der Person des Stellvertreters) sich warnend mit den Worten „Lass dich nicht verführen!“ an mich wandte. Da ging mir der Gedanke durch den Kopf, ob das genau das war, was meine Eltern von mir wollten, nämlich dass ich das Unheil von damals aufdecke? Ich weiß ja aus meiner eigenen systemischen Ausbildung, dass die Toten oft ganz anders reagieren als die Lebenden. Kann es nicht sein, dass sie als Tote zu ihren Taten stehen konnten und das Unheil sahen, das das für ihre Söhne und deren Kinder nach sich zog? Es kann ja niemand behaupten, dass weder mein Bruder noch ich und auch keines unserer Kinder ein ganz normales Leben geführt hätten.

Die Lösung für uns, unsere Kinder und deren Kinder besteht darin, dass der, wenn man so will, Fluch endlich beendet wird und die Karten auf den Tisch kommen. Ist aber nicht so lustig, wie es klingt. Je klarer ich die Geschichte meines Vaters vor Augen hatte, desto ruhiger wurde ich witzigerweise. Es kehrte mit der Zeit so etwas wie Frieden bei mir ein. Is gelingt mir immer mehr, der Geschichte gemäß dem Spruch „Sine ira et studio“ zu begegnen, also ohne Zorn und Eifer. Das ist wichtig, denn nur dann kann ich klar sehen, was ist.

Manchmal scheint es so zu sein, dass man seine Verbundenheit mit einem Menschen dadurch zeigt, dass man seine Taten nicht zu verheimlichen sucht, sondern aufdeckt. Das ist die Voraussetzung dafür, verstehen zu können und die notwendigen Konsequenzen zu ziehen; also nicht in dieselben gedanklichen Fallen zu tappen, in denen er sich damals verfangen und sich letztlich schuldig gemacht hat.

Pfade

Weshalb ich „die Geschichte“ nie loswerde. Ich spreche hier von meiner Familiengeschichte, meinem geistigen Erbe. Aber von vorne: Ich bin ein komplexes Wesen, keine Frage, auch meine Eltern waren das. Als komplexe Wesen unterliegen wir den Gesetzmäßigkeiten für komplexe Wesen, unter anderem der Pfadabhängigkeit. Das zeitliche Verhalten komplexer Systeme ist nicht nur vom aktuellen Zustand, sondern auch von der Vorgeschichte des Systems abhängig.

Damit werden prozesshafte Entwicklungen beschrieben, deren Verlauf einem Pfad ähnelt. Wie bei einem Pfad gibt es Anfänge und Kreuzungen, an denen mehrere Alternativen zur Auswahl stehen. An diesen Kreuzungspunkten verhalten sich pfadabhängige Prozesse nicht deterministisch, sondern chaotisch. Ein kleiner Einfluss kann hier einen großen Effekt haben und zu einem ganz anderen Ausgang führen.

Nachdem sich eine bestimmte Alternative etabliert hat, folgt eine stabile Phase. Positive Rückkoppelungseffekte verstärken den eingeschlagenen Pfad, zum Beispiel in der Wirtschaft oder auch im gesellschaftlichen Leben. Wir kennen alle solche positiven Feedback-Effekte. Kleinere Einflüsse bewirken kaum mehr eine Richtungsabweichung. Waren andere Alternativen am Kreuzungspunkt noch relativ mühelos erreichbar, wird ein bewusstes Umschwenken in der stabilen Phase deutlich aufwendiger.

Als ich begann, mich mit der Geschichte meiner Eltern auseinanderzusetzen, irritierte mich, wenn Mitarbeiter in den KZ-Gedenkstätten oder diejenigen, die sich schon länger damit beschäftigten, immer wieder sagten, dass ich das nicht loswerden würde. Was ich zum einen nicht lustig fand, sich zum anderen aber bestätigte.

Diese Pfade haben jedoch Abzweigungen und Kreuzungen. Das sind genau die Punkte, an denen der Prozessverlauf chaotisch wird. Hier entscheiden wir uns, in diesem Falle ich, welche Abzweigung ich nehme und welche Richtung ich einschlage. Wenn ich in meinem Leben zurückschaue fange ich zu grinsen an, denn zu deutlich sind diese Punkte und das Chaos, in dem ich da gelebt hatte.

Es waren ganz klare Punkte, die eine Entscheidung von mir erwarteten. Das Dumme war nur, dass ich mir der Zusammenhänge überhaupt nicht bewusst war. Und deshalb habe ich wohl auch die eine oder andere falsche Entscheidung getroffen. Aber nun gut, so war es eben. Ich kann zwar zurückblicken, aber nichts ändern, aber ich kann jetzt und in der Zukunft hilfreiche Entscheidungen treffen; Entscheidungen, die nichts ausblenden.

Wie ich mich entscheide, ist zum einen nicht festgelegt, aber meine Entscheidungen bauen zum anderen auf dem bisherigen Verlauf auf. Ich bin also frei, mich zu entscheiden wie ich will, aber nicht frei von der Geschichte, hier der meiner Familie. Mir fällt da gerade die Situation eines Bekannten ein, der hat seine Geschichte – er ist mit einer verkümmerten Contergan-Hand geboren worden, keine Finger, nur ein Zentimeter lange Ansätze – zu seiner Erfolgsgeschichte gemacht. Er fährt faszinierend Motorrad, ist ein sehr guter Handwerker, schraubt alles selber – und ist auch noch beruflich richtig erfolgreich.

Mir hat er einmal erzählt, er habe aus seiner Geschichte seine Erfolgsgeschichte gemacht. Er hat ganz offensichtlich die richtigen Entscheidungen getroffen. Ich bewundere ihn, er versetzt mich immer wieder in Erstaunen, und auch wenn meine Geschichte eine ganz andere ist, habe ich ihn mir zum Vorbild genommen.

Da fällt mir immer diese Ch’an-Geschichte ein, ich weiß leider nicht mehr, von wem sie ist: „Unsere tiefste Essenz ist uns von Natur aus gegeben; ursprünglich gehört sie nicht der Domäne der Verwirklichung an; wie könnte sie also verloren gehen.“ Diese tiefste Essenz ist also nicht, was mich glücklich macht und was nicht, sondern die Fähigkeit, auch mit den widrigsten Umständen „umgehen“ zu können.

Mitgefühl

Kann ich mit meinem Vater Mitgefühl haben? Um das beantworten zu können, muss ich die Dinge klar sehen, darf nichts vermischen oder im Unklaren lassen. Es beginnt einmal damit, dass mein Vater als komplexes Wesen wie alles andere auch der Gesetzmäßigkeit der Pfadabhängigkeit unterliegt. Für mich habe ich das in dem Text „Pfade“ bereits untersucht. Doch was bedeutet das für ihn?

Wenn ich der geschilderten Logik der Pfadabhängigkeit folge, war er einerseits in gewisser Weise an die Geschichte seiner Eltern gebunden, doch eben nicht starr. An den Abzweigungen und Kreuzungen dieses Pfades hat er in der Zeit des Nationalsozialismus offensichtlich keine heilsamen Entscheidungen getroffen. Ich vermeide hier bewusst Begriffe wir „richtig“ oder „falsch“, genauso wie „gut“ oder „böse“, sondern verwende die Begriffe „heilsam“ und „unheilsam“, denn darin kommt die Wirkung der guten wie der bösen Tat für den Täter selbst zum Ausdruck.

Im Dhammapada, Vers 161, kommt dies sehr gut zum Ausdruck:

„Die böse Tat, die selbst getan, selbst erzeugt, die selbst gewirkt, zermalmt den einsichtslosen Mann, wie Diamant den Edelstein.“

Man darf also nicht nur die Tat als solche betrachten, sondern es ist auch notwendig, die Auswirkungen der Tat auf den Täter selbst zu sehen. Das entschuldigt nichts, gleicht absolut nichts aus. Die Frage ist jedoch, ob ich auf der Urteilsebene „gut oder böse, richtig oder falsch“ stehen bleibe, oder aber ob ich eine Ebene grundsätzlicher denke. Bleibe ich auf der Urteilsebene, ist das Urteil in meinem Kopf und bestimmt mein Verhalten, komme ich jedoch auf die grundsätzlichere Ebene, dann bestimmt Mitgefühl mein Verhalten.

Simone Weil hat dazu in „Schwerkraft und Gnade“ unter dem Thema Menschliche Mechanik Wichtiges geschrieben: „Wer leidet, sucht sein Leiden anderen mitzuteilen – sei es durch Misshandlungen, sei es dadurch, dass er ihr Mitleid hervorruft –, um es so zu vermindern, und derart vermindert er es in der Tat. Wer ganz unten ist, wen niemand bedauert, wer über niemanden Gewalt hat, den er misshandeln könnte (wenn er weder ein Kind hat noch irgendein Wesen, das ihn liebt), bei dem bleibt das Leiden in ihm und vergiftet ihn. Das ist unentrinnbar wie die Schwerkraft. Wie kann man sich davon freimachen? Wie befreit man sich von dem, was wie die Schwerkraft ist?“

Das macht für mich deutlich, dass es eine Sache ist, die Taten meines Vaters zu beurteilen, etwas anderes ist es, nicht über meinen Vater zu urteilen, sondern Mitgefühl für ihn zu empfinden, ein Mitgefühl, das absolut nichts entschuldigt. Solange ich dieses Mitgefühl nicht empfinden kann, bleibe ich selbst in der Zerrissenheit gefangen. Einerseits mein Vater, andererseits der Mörder. Doch dahin komme ich nur, wenn ich „ohne Zorn und Eifer“ bin, „Sine ira et studio“, wie es mir eine gute Freundin zu Beginn mitgab.

Seither habe ich mich daran gehalten, es zumindest versucht, die Dinge „ohne emotionale Beteiligung und Parteinahme, sachlich und objektiv“ zu untersuchen. Wahrscheinlich war das die Bedingung, die Dinge überhaupt untersuchen zu können und meine Nachforschungen zu voranzubringen.

In Matthäus 6, 13 heißt es: „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“ Und weiter: „Denn so ihr den Menschen ihre Fehler vergebet, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben.“ Was mich dazu bringt, über Vergebung nachzudenken. Vergebung war für mich nie ein Thema, denn ich habe ihm nichts zu vergeben, er hat mir nichts getan. Es geht also um Vergebung unabhängig von etwas Begangenem; Vergebung, die zu Mitgefühl führt, wobei Mitgefühl schon ein leicht misszuverstehender Begriff ist.

Auf meinen Vater bezogen bedeutet das, dass er sich auf dem Pfad seiner Herkunftsfamilie an einer für ihn wichtigen Abzweigung verführen ließ, aber nicht etwa von einem anderen, sondern er ließ sich von seinen eigenen Gelüsten und Bedürfnissen führen. Ihm war ganz offensichtlich nicht bewusst, was er tat, sondern er war Sklave seiner eigenen Bedürfnisse. Er wurde auch nicht versucht, sondern er selbst hat etwas gesucht; er selbst hat Führung gesucht, um seine Bedürfnisse zu befriedigen.

Überhebe ich mich damit? Erhebe ich mich über meinen Vater? Ich hoffe nicht, denn ich setzte ja seinen Pfad auf meinem Lebenspfad fort und will an den Abzweigungen und Kreuzungen die stimmigen Entscheidungen treffen.