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Erinnerungskultur

Was bedeutet es für mich, mich an den Nationalsozialismus zu erinnern? Das hat verschiedene Seiten, einmal die der Opfer, der Täter und der Mitläufer. Die Frage ist, wie ich ihnen begegne; vor allem aber, was das mit mir zu tun hat. Wichtig ist dabei zu wissen und nicht zu verdrängen oder zu relativieren, dass mein Vater zu den Tätern gehörte.

Viele mit einem Täter in der eigenen Familie begegnen den Opfern mit Schamgefühlen. Dabei darf ich aber nicht vergessen, dass mit Scham das unangenehme Gefühl bezeichnet wird, das man hat, wenn man sich vor anderen Menschen in einer peinlichen Situation befindet. Empfinde ich Scham für die Taten meines Vaters, mache ich mich damit selbst zum Opfer.

Die richtige Haltung ist, mich zu emanzipieren und insoweit die Bindung zum Täter zu durchtrennen, damit das Leben weitergeht, für mich und für meine Nachkommen.

Das wäre ein guter Ausgleich zwischen mir als „Opfer“ meines Vaters. Das hat auch Bedeutung für die Opfer, um die es tatsächlich geht. Indem ich mich schäme, mich also selbst zum Opfer gemacht habe, kann ich den Opfern nicht respektvoll gegenüber treten, denn dann relativiere ich mit meiner Opferhaltung mein Verständnis von ihnen.

Nur ist das gar nicht so einfach. Es verlangt von mir die Ideologie und die Verhaltensstrukturen meines Vaters zu erkennen, die ihn zum Täter werden ließen und die ich von ihm durch Gene, Epigenetik, die Kultur in der ich aufwuchs wie durch Erziehung und sein Vorbild übernommen habe. Das bedeutet, mir selbst gegenüber sehr aufmerksam und auch selbstkritisch zu sein. Was nicht einfach ist, solange ich kein Wirklichkeitsmodell habe, das mich vor Fehltritten schützt.

Letzten Endes geht es erst einmal um mein Denken und um nichts anderes. Was nützt meine Erinnerungskultur, wenn ich mein Denken nicht von meinem nationalsozialistischen Erbe befreit habe? Denn das versucht nur eine Erinnerungskultur zu sein, ist es aber nicht. Es verlangt Bewusstheit für das, was ich denke, was ich an meinen Ansichten und Gedanken sehen kann, also an dem, was mir tatsächlich bewusst werden kann.

Es ist also notwendig, das nationalsozialistische Erbe in mir selbst erst einmal zu transformieren, dann erst bin ich innerlich bereit für eine wirkliche Erinnerungskultur. Die wiederum ist nicht Vergangenheit-, sondern zukunftsorientiert. Meiner Ansicht nach ein Muss. Doch wenn ich die Vergangenheit nicht erinnere, bin ich dazu verdammt, sie zu wiederholen, wie George Santayana es treffend formuliert hat.

Nicht die Zeit von 1939 bis 1945 steht im Fokus, sondern die Zukunft. Die Zukunft kommt zwar über die Gegenwart aus der Vergangenheit, im Idealfall jedoch ist sie nicht nur in der Lage, aus den vergangenen Fehlern zu lernen, sondern sie zu transzendieren.

Veröffentlicht in Allgemein

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