Springe zum Inhalt →

Entscheidung

Doch welchen Weg geht man, welchen Weg gehe ich, wenn ich sehe, was viele unserer Eltern und Großeltern in der Zeit von 1933 – 1945 getan oder geduldet haben (was genauso schlimm ist), genauso, wenn ich wahrnehme, welches Leid ihre Opfer ertragen mussten? Ich erinnere mich noch gut, dass ich das Dokuzentrum Ravensbrück wieder verlassen musste, weil ich beim ersten Bild einen Weinkrampf bekam. Was ich damit sagen will: Wenn es einen wirklich berührt, schwemmt es einen regelrecht weg. Doch was mich berührt, das sind nicht die Dokumentationen an sich, sondern wenn die Opfer wie die Täter ein Gesicht bekommen, keine abstrakten Gedanken mehr, sondern die konkrete, erlebbare Konfrontation mit ihnen – und nicht nur mit ihrer abstrakten Geschichte.

Doch Geschichte ist nicht gleich Geschichte, denn Geschichte kann Menschen auch erfahrbar machen. So berührt mich beispielsweise das Dokuzentrum in Nürnberg viel weniger, zu viele Informationen, zu geballt, es erschlägt mich regelrecht mit der Folge, dass ich innerlich zumache. In Auschwitz / Birkenau war es ganz ähnlich, da waren es die Massen der Menschen, die mich vollkommen ablenkten. Schließlich habe ich gelernt, dass man sich beherrscht, wenn einen andere beobachten. Ich wäre gerne alleine dort gewesen. Geändert hat sich definitiv meine innere Haltung, seit ich diese Tonfigur aus Grafeneck in unserem Wohnzimmer stehen habe. Was es für mich braucht, dass ist die konkrete Begegnung und nicht nur die Besichtigung von Gedenkstätten.

Es muss für mich lebendig werden. Daher suche ich die Begegnung, was aber schwierig ist, denn die meisten Betroffenen sind, wie meine Eltern, schon gestorben. Deshalb auch die intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte meines Vaters, was jedoch nur dann gelingt, wenn ich mich aus der familiären Klammer löse. Was nicht bedeutet, dass ich mich von meiner Herkunftsfamilie lossagen könnte, das geht nicht. Das ist eines der Dinge, die ich klar bekommen musste. Meine Eltern bleiben meine Eltern und ihre Geschichte zu ignorieren oder zu leugnen ist schlicht kontraproduktiv.

Was mir dabei immer klarer wird ist, dass es vordergründig weder um die Opfer noch um die Täter geht, sondern um die Entscheidungen, die ich mit diesem Wissen für mein Leben treffe. Es geht um meine und die Zukunft der Gesellschaft, die ich ja auch mit gestalte und präge. Das ist das Wesentliche, das Eigentliche, das, worum es letztlich geht: Wie werden wir als Gesellschaft miteinander leben?. Allein die Täter oder die Opfer zu sehen genügt nicht, entscheidend ist eben, wie ich mein eigenes Leben mit diesem Wissen gestalte. Es ist, wie George Santayana gesagt hat: „Wer sich der Geschichte nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ Eines habe ich sicher auch aufgrund des Films „Das radikal Böse“ verstanden, nämlich der Grund, wie aus ganz normalen jungen Männern Massenmörder werden konnten – und auch wieder werden können.

Das überhaupt zu sehen ist schwer gewesen, denn es bedeutet, dass auch ich so sein kann. Doch um nicht so zu werden genügt es nicht, mich gedanklich mit Moral und Ethik zu beschäftigen, nein, ich muss es vor allen Dingen auch leben. Ich mache kein Hehl daraus, dass ich, als ich noch als Anwalt gearbeitet habe, genau das getan habe, wovon in dem Film die Rede ist. Ich habe das getan, was man von mir erwartet hat, einfach deshalb, weil es für mich ganz selbstverständlich war, es zu tun. Nur dass ich das Glück hatte, in einer anderen Zeit zu leben, was nicht bedeutet, dass es immer richtig war, was ich getan habe.

Ich hatte einfach Glück, dass ich irgendwann merkte, dass ich nicht weiter abrutschen wollte. Das ist mir sehr bewusst geworden, als ich das Plädoyer des Verteidigers von Paul Rostock in dem Nürnberger Ärzteprozess gelesen habe. Mir war instinktiv klar geworden, dass ich auf dem besten Weg war, auch so zu werden. Doch genau das will ich nicht mehr, ich will nicht „Glück gehabt!“ sagen müssen, weil ich nichts Grausames oder Menschenverachtendes getan oder das Wort geredet habe, sondern ich will es ganz bewusst nicht tun, aus eigener Entscheidung heraus. Das verlangt von mir, dass ich bewusst wahrnehme, wozu Menschen in der Lage sind zu tun – also auch ich. Um das zu verstehen, brauche ich zum einen Wissen über den Menschen und vor allem über sein Denken und zum anderen brauche ich eine klare Ethik, die die Fallgruben zu vermeiden oder noch besser zu überqueren hilft. Nur, das alles zu verstehen ist erst der Anfang, ich muss es auch konsequent leben.

Für mich bedeutet das kein Leben mehr zu führen, das gesellschaftlichen Gepflogenheiten und der Konventionen folgt, sondern mir sehr bewusst zu sein, was ich tue und welche Konsequenz das für andere haben kann. Damit Bilder wie dieses auch in Zukunft Vergangenheit bleiben: