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Eine Perspektive finden

Wenn man plötzlich durch ein Ereignis wie eine aufkommende Krise in die Herausforderungszone katapultiert wird, wacht man auf, häufig auch sehr schmerzhaft, und nimmt wahr, dass man sich all die Jahre etwas vorgemacht hat, so wie ich mir lange Zeit vorgemacht habe, wie meine Eltern wären, was sie aber nicht waren. Manchmal ist das Aufwachen auch mit einem längeren Prozess verbunden, der am Ende in einem Neustart endet.

Im gleichen Maß, wie in mir selbst das Bewusstsein für das wuchs, was geschehen war, wuchs in mir das Bedürfnis, eine Antwort zu finden, wie sich solche Geschehnisse verhindern lassen. Intellektuell bin ich mir dessen schon lange bewusst, dass es darum geht, die ständige Defragmentierung im Denken aufzugeben. Doch was ist zu tun?

Carl Gustav Jung hat es in einem Interview inmitten des Kalten Krieges so formuliert: „Wir sind der Ursprung allen Übels“. Er sagte aber auch „Ich bin nicht das, was mir passiert ist, ich bin das, was ich werden möchte.“ Er wusste, dass Menschen zu schrecklichen Dingen fähig sind, aber auch zur Größe.

Hoffnung können wir seiner Meinung nach nur durch Individualisierung erreichen und nicht, indem wir andere zu bekehren oder zu beeinflussen suchen. Der Einzelne kann die Welt nicht retten, aber er kann sich retten – und damit seinen Beitrag zur Rettung der Welt leisten. Was also ist zu tun? Es geht darum, was Albert Einstein, wie viele andere auch, erkannt hat:

„Wie alle Wesen ist der Mensch Teil des Ganzen, das wir „Universum“ nennen, und rein äußerlich betrachtet von Raum und Zeit begrenzt. Er erfährt sich, seine Gedanken und Gefühle als etwas, das ihn von den anderen trennt, aber dies ist eine Art optischer Täuschung des Bewusstseins.

Diese Täuschung ist wie ein Gefängnis, das unsere eigenen Wünsche und unsere Zuneigung auf einige wenige Menschen beschränkt, mit denen wir näher zu tun haben.

Unsere eigentliche Aufgabe besteht darin, uns aus diesem Gefängnis zu befreien, indem wir den Kreis unseres Mitgefühls und unserer Fürsorge auf alle Wesen und die Natur in ihrer ganzen Schönheit gleichermaßen ausdehnen.

Auch wenn uns dies nicht vollständig gelingt, so ist doch bereits das Streben nach diesem Ziel ein Teil der Befreiung und die Grundlage für das Erlangen inneren Gleichgewichts.“

Es gilt jedoch zu beachten, wie Peter Pogany-Wnendt mir schrieb, „dass wir uns immer nur als Individuen als Teil eines Ganzen erleben können.“ „Wir brauchen,“ so schrieb er weiter, „auch das Gefühl sicherer Grenzen. Wer sich als Individuum nicht sicher abgegrenzt erleben kann, wird psychotisch.“ Doch ich werde nicht dadurch meiner selbst sicher, indem ich andere ausgrenze, sondern indem ich in ihnen wie in mir den Menschen sehe – und nicht den Juden, Christen, Moslem, Hindu oder Buddhisten.

Hannah Arendt hat es für mein Empfinden auf den Punkt gebracht, als sie sagte, es wurden in der Zeit des Nationalsozialismus keine Juden umgebracht, sondern Menschen. Menschen haben Menschen umgebracht – und tun es noch heute. Die Sicherheit, von der Peter Pogany-Wnendt spricht, finde ich nicht in der Aus- oder Eingrenzung, sondern in dem Menschsein, meinem wie dem der anderen.

Es gibt für mich weder DAS Christentum oder DEN Buddhismus und auch nicht DAS Judentum. Es gilt daher, vom Einzelnen auszugehen. Einen anderen jedoch kann – und darf – ich nicht interpretieren, denn ich weiß nichts wirklich über ihn. Meine Ansichten über ihn sind meine Ansichten und sagen aufgrund ihrer Subjektivität nichts über ihn aus, sondern allenfalls etwas über mich. Doch diese offensichtliche Subjektivität darf mich nicht zu der Schlussfolgerung verführen, alles sei fragmentiert.

Das ist es nicht, sondern wie Hans-Peter Dürr es einmal formuliert hat, das in sich differenzierte Eine. Dazu muss ich wissen, dass das Wort Frieden sich von Fried ableitet – Befriedung, Burgfried. Es geht darum, das Wagnis ein Einzelner zu sein einzugehen. Ich bin dann in Frieden, wenn ich befriedet bin, wobei die Einfriedung die Prinzipien sind, die die Ruhe des geordneten Seins gewährleisten, was mich nicht dazu verleiten darf, mich zu vergleichen.

In meiner Zeit als Unternehmensberater habe ich das Musikorchester immer als ideale Metapher für die Organisation eines Betriebes gehalten. Vielleicht sollte es auch ein Leitbild für die Gesellschaft sein. In einem Orchester werden Einzelleistungen zu einem Gesamtkunstwerk zusammengeführt. Will ich also Frieden in der Welt, muss ich zu allererst in Frieden mit mir selbst sein.

Wenn es mein Privileg im Leben ist, der zu werden, der ich wirklich bin, wie C. G. Jung es einmal formuliert hat, dann heißt das mein Menschsein zu ergründen und zu leben, wirklich zu leben. Das bedeutet auch zu respektieren, dass andere Menschen das vielleicht nicht sehen, sondern statt dessen weiter in fragmentiertem Denken gefangen sind; was nicht bedeutet, tatenlos zuzuschauen, sondern zu tun, was ich tun kann.

Aber ich kann nur dann etwas erreichen, wenn ich mich nicht zum Richter über andere erhebe, denn das ist genau das, was der Ursprung des Übels ist. Es ist eine schwierige Situation, es gibt jedoch viele Beispiele in der Welt, die deutlich machen, was man tun kann. Martin Luther King und Nelson Mandela waren solche Menschen in der jüngeren Geschichte. Eine Lösung der Konflikte dieser Welt finden wir nicht im Kampf, sondern in der klaren Orientierung und konsequenten Ausrichtung.

Ich brauche nur zu lernen, Aikido in Konfliktsituationen (und überhaupt) anzuwenden. Das bedeutet schon, mich zur Wehr zu setzen, aber nicht um den Gegner zu zerstören, sondern um seine Kraft zu neutralisieren. Wie das in persönlichen Konflikten ist weiß ich, vor allem in verbalen Konfliktsituationen.

Wie das für Gruppen oder Gesellschaften wie Nationen gehen kann ist eine für mich offene Frage, die es zu klären gilt. Ich denke, dass es auch hier allein um die Gestaltung der Beziehung geht. Wir hören das zwar nicht gerne, aber Beziehung ist grundsätzlicher und grundlegender als die Tatsache, dass ich ein Mensch bin.

Das bedeutet aber auch, dass es Lösungen nur zwischen den Beteiligten und in der konkreten Situation gibt. Theoretisch kann man nu die Prinzipien feststellen, mehr aber nicht. Auch da muss die konkrete Lösung, die effektive Vorgehensweise, im Dialog gefunden werden.