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Das Schweigen beenden

Über das, was früher war, wurde in unserer Familie kein einziges Wort verloren, jedenfalls nicht in meiner Gegenwart. Als ich jetzt im Alter von 69 tiefer in die Geschichte meiner Eltern und vor allem die meines Vaters einstieg merkte ich, wie mich das zunehmend nachdenklich machte. Ich fragte mich zu Beginn, wie ich meinen Eltern wohl gegenübertreten würde, stünden sie plötzlich vor mir.

Zu reden gibt es definitiv nichts. Was sollte ich sie auch fragen? Oder sie mir sagen? Ich weiß, ich bekäme wahrscheinlich nur Ausreden oder Rechtfertigungen zu hören. Und erklären kann man wirklich nicht, was geschehen ist. Ich erwartete auch kein Eingeständnis, denn außer, dass ich mich dann vielleicht besser fühlen könnte, würde nichts passieren. Darüber zu reden ändert nichts, absolut nichts. Außer vielleicht, zumindest zu Beginn, nicht auf Spekulationen angewiesen zu sein. Meinen Eltern habe ich nichts zu verzeihen, mir haben sie nichts getan. Doch es macht mich irgendwie aus. Aber das ist mein ‚Problem‘. Das muss ich selbst lösen. Es zu relativieren oder klein zu reden ist mir zuwider.

Rostock wurde in dem Nürnberger Ärzteprozess wohl nur deswegen nicht verurteilt, weil die Amerikaner die Unterlagen des Amtes für Wissenschaft und Forschung nicht freigaben. Jedenfalls gehe ich davon aus. Und auch Glück für meinen Vater. War es Glück oder eher eine Last? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall mache ich mir darüber keine Gedanken, denn das könnte nur er beantworten. Jedenfalls merke ich, dass mich all das verändert. Wie genau kann ich noch nicht sagen. Ich bin ernsthafter, nachdenklicher geworden. Ich merke zunehmend, dass es nicht gut ist zu schweigen und nichts zu sagen, wo etwas gesagt werden muß.

Zu schweigen, um nichts sagen zu müssen, gräbt tiefe Gräben und entfremdet die Menschen voneinander. Das Schweigen hat bewirkt, dass ich, wie mein Bruder einmal gesagt hat, nichts mit der Familie zu tun haben wollte. Irgendetwas stimmte nicht, nur wusste ich nicht was. Weil aber auch ich dieses Schweigen mitgetragen habe, hat es auch mich nicht verändert, aber gestaltet, hat mich so werden lassen, wie ich geworden bin.

Jetzt, wo für mich das Schweigen gebrochen ist, bin ich auch ein Stück freier geworden, denn jetzt kann ich reden, vor allem mich gedanklich mit dem auseinandersetzen, was mich über all die Jahre auch geprägt hat und vielleicht ganz wesentlich ausmacht. Schließlich bin ich das Kind meiner Eltern. Und meine Eltern oder ihre Taten zu verleugnen, hilft mir nicht weiter. Nur die bewusste Auseinandersetzung mit ihnen, ihrer Geschichte und vor allem mit meiner eigenen Geschichte hilft und bringt mich voran.

Erst wenn ich bereit bin nicht nur zu sehen, wie sich Menschen von Ideologien verführen lassen und dabei ablegen, was uns Menschen nach unserem eigenen Verständnis ausmacht, sondern sehe, dass ich selbst mich wie auch mein Vater hat verführen lassen, erst dann komme ich in der Lage, nicht mehr verführbar zu sein. Das heißt, einen Weg des eigenständigen Denkens zu gehen, ohne mich dabei zu isolieren.

Und das heißt: Nicht mehr zu schweigen.