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Das Schweigen beenden

Über das, was früher war, wurde in unserer Familie kein einziges Wort verloren, jedenfalls nicht in meiner Gegenwart. Als ich im Alter von 69 tiefer in die Geschichte meiner Eltern und vor allem die meines Vaters einstieg, merkte ich, wie mich das nicht nur nachdenklich machte, sondern etwas in mir hervorholte.

Ich fragte mich zu Beginn, wie ich meinen Eltern wohl gegenübertreten würde, stünden sie plötzlich vor mir. Zu reden gibt es definitiv nichts. Was sollte ich sie auch fragen? Oder sie mir sagen? Ich weiß, ich bekäme unter Umständen nur Ausreden oder Rechtfertigungen zu hören. Wie will man das, was mein Vater getan hat, auch erklären können. Erklären kann man das wirklich nicht, was geschehen ist.

Ich erwartete auch kein Eingeständnis von ihnen, denn außer, dass ich mich dann vielleicht besser fühlen könnte, würde das nichts ändern. Darüber zu reden ändert nichts, absolut nichts. Außer vielleicht nicht auf Spekulationen angewiesen zu sein. Aber das bin ich auch so nicht, denn es gibt genügend Fakten, die vieles belegen.

Rostock wurde in dem Nürnberger Ärzteprozess wohl nur deswegen nicht verurteilt, weil die Amerikaner die Unterlagen des Amtes für Wissenschaft und Forschung nicht freigaben. Diese Unterlagen wollen Rostock und mein Vater in Sicherheit bringen, um nach dem Krieg wieder über sie verfügen zu können. Scheinbar waren dies darin enthaltenen Dinge für die Amerikaner wichtiger als dass Rostock oder auch mein Vater verurteilt werden konnten.

Man darf nicht übersehen, dass Brandt und Rostock immer als Tandem auftraten, Brandt aber zum Tod verurteilt, Rostock hingegen freigesprochen wurde. Davon hat wohl auch meinen Vater profitiert. War es Glück oder eher eine Last? Ich weiß es nicht. Jedenfalls merke ich, dass mich all das verändert. Ich merke zunehmend, wie destruktiv und belastend es ist zu schweigen und nichts zu sagen, wo etwas gesagt werden muß.

Zu schweigen, um nichts sagen zu müssen, gräbt tiefe Gräben und entfremdet die Menschen voneinander. Das Schweigen hat bewirkt, dass ich, wie mein Bruder einmal gesagt hat, nichts mit der Familie zu tun haben wollte. Irgendetwas stimmte nicht, nur wusste ich nicht was. Weil aber auch ich dieses Schweigen mitgetragen habe, hat es auch mich nicht verändert und gestaltet, hat mich so werden lassen, wie ich geworden bin.

Jetzt, wo für mich das Schweigen ein Ende hat, bin ich auch ein Stück freier geworden, denn jetzt kann ich reden, mich vor allem gedanklich mit dem auseinandersetzen, was mich über all die Jahre hin geprägt hat und auch ganz wesentlich ausmacht. Schließlich bin ich das Kind meiner Eltern. Meine Eltern oder ihre Taten zu verleugnen, hilft mir nicht weiter. Nur die bewusste Auseinandersetzung mit ihnen, ihrer Geschichte und damit mit meiner eigenen Geschichte hilft mir und bringt mich voran.

Erst wenn ich bereit bin nicht nur zu sehen, wie sich Menschen von Ideologien verführen lassen und dabei ablegen, was uns Menschen nach unserem eigenen Verständnis ausmacht, sondern sehe, dass ich selbst mich wie auch mein Vater habe verführen lassen, erst dann komme ich in der Lage, nicht mehr verführbar zu sein.

Das heißt, einen Weg des eigenständigen Denkens zu gehen, ohne mich dabei zu isolieren.

Und das heißt: Nicht mehr zu schweigen.