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Das Leben geht weiter

Thomas Waldner schreibt in seiner Dissertation über das ‚Amt für medizinische Wissenschaft und Forschung‘, dass Paul Rostock zwar vor dem Gesetz als ‚schuldlos‘ einzustufen war, er sich aber in moralischer Hinsicht schwer schuldig gemacht hat.

Genau das gilt auch für meinen Vater, Assistent von Brandt wie von Rostock.

Durch seine Arbeit in dem Amt ‚Rostock‘ sowie in dem Arbeitsstab von Karl Brandt hat er das Naziregime und seine Grausamkeiten aktiv unterstützt, gefördert und mitgetragen. Dieses widerstandslose Mitmachen im System löst in mir Betroffenheit aus. Andererseits ist mir bewusst geworden, dass sich absolut nichts geändert hat. Alles ist, wie es schon vorher war – und doch hat sich für mich alles geändert. Und zwar wirklich alles. Mein Leben steht regelrecht Kopf; innerlich bin ich anders geworden.

Doch weshalb? Ich habe nicht nur erkannt, was war, sondern ich habe offensichtlich Illusionen aufgeben können oder auch müssen, gedankliche Annahmen, die nicht im Einklang mit der Wirklichkeit standen. ‚Was soll’s?‘, könnte ich denken. Doch ganz so einfach ist es nicht, denn ich weiß, dass mich das die ganze Zeit beeinflusst hat, auch wenn mir das nicht bewusst war. Epigenetik ist die Erklärung dazu.

Doch wie kann ich der Geschichte ‚in mir‘ ihre Macht über mein Leben nehmen? Im Zen nennet man das „Das torlose Tor durchschreiten“. Man durchschreitet es in dem Augenblick, in dem man erkennt, dass dieses Tor nur ein illusionäres Tor ist. Nur wann ist die Geschichte in mir nicht mehr aktiv, sondern nur noch informative Historie?

Ich kann das, was war, nicht rückgängig machen. Was ich tun kann sind zwei Dinge: Einmal zu lernen, nicht in die selbe Falle zu gehen wie mein Vater. Wie George Santayana gesagt hat: „Wer sich der Geschichte nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ Das ist der erste Schritt, der zweite Schritt ist, die Dynamik dahinter zu erkennen, zu verstehen und zum anderen so zu leben, dass diese Falle keine Falle mehr für mich sein kann. Ich meine vor allem die Falle der Konvention, also etwas zu tun, nur weil die anderen es auch tun.