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Das Leben geht weiter

Thomas Waldner schreibt in seiner Dissertation über das ‚Amt für medizinische Wissenschaft und Forschung‘, dass Paul Rostock zwar vor dem Gesetz als ‚schuldlos‘ einzustufen war, da man ihm damals nichts nachweisen konnte, er sich aber in moralischer Hinsicht schwer schuldig gemacht hat. Mittlerweile hat sich der Schleier des Nicht-Wissens erheblich verkleinert und der Blick ist möglich geworden auf das, was damals geschah.

Genau das gilt auch für meinen Vater, Assistent von Brandt wie von Rostock. Durch seine Arbeit in dem Amt ‚Rostock‘ sowie in dem Arbeitsstab von Karl Brandt hat er das Naziregime und die damit im Zusammenhang stehenden Grausamkeiten aktiv unterstützt, gefördert und mitgetragen. Dieses nicht nur widerstandslose, sondern aktive Mitmachen im System löst in mir Betroffenheit aus.

Das ist das Eine, das andere ist, dass es nicht vorbei ist. Mir ist bewusst geworden, dass sich im Denken vieler nichts geändert hat. Und ich meine nicht nur die offen rechtslastigen Menschen. Die Frage war und ist ja, was beziehungsweise wie mein Vater gedacht hat, dass er zu solchem Tun fähig wurde. Ich erkannte, dass die gedanklichen Annahmen, etwa der naturalistische Fehlschlüsse, noch immer auch in meinem Denken vorhanden war und vielleicht noch ist.

Die Feststellungen vieler, etwa von Hannah Arendt, dass die NS-Täter ganz normale Menschen waren, machte mich stutzig. Der gedankliche Fehler liegt in dem Wirklichkeitsverständnis. Es ging nämlich nicht um Werte, sondern um eine Frage der Wirklichkeit, die Fähigkeit zu erkennen, was tatsächlich gegeben ist – und sich nicht verführen zu lassen.

Es geht um die Erkenntnis, daß Urteile weder durch Deduktion noch durch Induktion zustande kommen. Und genau das ist passiert: die Menschen hielten ihr Urteil für einen Aspekt der Wirklichkeit, doch das war es nicht – nur Ihre Annahmen und Vorurteile. Genau das ist auch heute noch ein Problem, dass manche Menschen (ich drücke es vorsichtig aus) noch immer nicht verstehen: Unsere Urteile sind nur unsere Ansichten, aber keine Wirklichkeit.

Natürlich ist ein Fakt korrekt, doch was sind wirkliche Fakten? Ich habe nicht nur erkannt, was war, sondern ich habe offensichtlich Illusionen aufgeben können oder auch müssen, gedankliche Annahmen, die nicht im Einklang mit der Wirklichkeit standen.

Was soll’s?‘, könnte ich denken. Doch ganz so einfach ist es nicht, denn ich weiß, dass mich das die ganze Zeit beeinflusst hat, auch wenn mir das nicht bewusst war. Epigenetik ist die Erklärung dazu. Wie aber kann ich der Geschichte ‚in mir‘ ihre Macht über mein Leben nehmen? Im Zen nennet man das „Das torlose Tor durchschreiten“. Man durchschreitet es in dem Augenblick, in dem man erkennt, dass dieses Tor nur ein illusionäres Tor ist. Nur wann ist die Geschichte in mir nicht mehr aktiv, sondern nur noch informative Historie?

Ich kann das, was war, nicht rückgängig machen. Was ich tun kann, sind zwei Dinge: Einmal zu lernen, nicht in die selbe Falle zu gehen wie mein Vater. Wie George Santayana gesagt hat: „Wer sich der Geschichte nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ Das ist der erste Schritt.

Der zweite Schritt ist, die Dynamik dahinter zu erkennen, zu verstehen und so zu leben, dass diese Falle keine Falle mehr für mich sein kann. Ich meine vor allem die Falle der Konvention, also etwas zu tun, nur weil die anderen es auch tun.

Das bin ich den Opfern schuldig, das ist meine Verantwortung. Meinen Beitrag zu leisten um zu verhindern, dass Menschen zu Tätern werden.