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Sine ira et studio alt

„Wer sich der Geschichte nicht erinnert,
ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.

George Santayana

Vergangenes will aufgearbeitet sein. Nicht um seiner selbst willen, sondern um aus den Fehlern anderer zu lernen und zu verhüten, in die gleiche Situation zu kommen. Was in Deutschland zwischen 1933 und 1945 geschah, ist vielen bis heute unvorstellbar. Kein Wunder also, daß es Zeitzeugen schwerfällt, sich zu erinnern. Viele von ihnen haben mitgemacht oder auch nur geschwiegen.

Vergangenheit ist nicht losgelöst von der Gegenwart; sie beeinflußt jeden Tag unser Denken und Handeln heute. Auch ich vertrete die Position, daß auch in der Zukunft die – nationalsozialistische – Vergangenheit immer mit am Tisch sitzen wird. Doch nicht nur Beteiligte verdrängten ihre Geschichte. 1952 sagte der Philosoph und Theologe Romano Guardini über die NS-Euthanasie: „Es ist ein Anlass zur tiefsten Beunruhigung, wie wenig dem deutschen Volk zu Bewusstsein gekommen ist, was sich da eigentlich zugetragen hat und was das Geschehen für seine, des deutschen Volks ganze Existenz bedeutet.

Die Geschichte des „Dritten Reichs“ versank im Unterbewusstsein einer ganzen Gesellschaft. Meinungsumfragen im Jahre 1948 zeigten, daß sich die Mehrzahl der Bevölkerung (76 Prozent) dafür aussprach, Ex-Nazis wieder in öffentliche Ämter einzusetzen – nachdem sie sich von der Nazi-Ideologie „losgesagt“ haben. Alexander Mitscherlich sprach von einer „allgemeinen Schuld“ der Ärzte, eine Kollektivschuldthese lehnte er jedoch ab. Im Vorwort einer Dokumentation aus dem Jahr 1960 zeigt er, wie er die Schuld definiert und wie sie überwunden werden kann:

Bewältigung von Schuld kann nichts anderes heißen als der Wahrheit ins Auge zu sehen; Anerkennung dessen, was war, ohne Feilschen; Einsicht in die Anteilnahme, und sei es auch nur das ‘harmloseste’ Mitlaufen, Mitdenken der Parolen, Mithoffen auf das Verheißene gewesen; Einsicht in die Anteilnahme gerade dort, wo sie sich ethisch gerechtfertigt erlebte: in Pflichttreue und Befehlsgehorsam, […] in paragraphierte Untatsmoral und automatisierten Tötungsdrill.

Das, was viele für so unvorstellbar halten, ist es aber nicht, denn es ist ganz einfach menschlich. Das erklärt, dass die Täter von damals „ganz normale“ Menschen waren, wie immer wieder festgestellt, aber letztlich doch viel zu selten akzeptiert wurde. Meine Überzeugung ist, dass ich den Opfern nicht begegnen kann, wenn ich nicht auch die Taten und die Täter sehe und ihnen begegnen kann. Nur wie heißt es doch?

Ohne Zorn und Eifer.

Aber mit Beharrlichkeit, bereit, die sichtbar werdenden Konsequenzen anzunehmen.

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