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Verantwortlichkeit

Die Beschäftigung mit den Taten meines Vaters im „Dritten Reich“ hat mich viel über Verantwortlichkeit gelehrt.

Adolf Hitler verfügte am 1. September 1939 Folgendes: „Reichsleiter Bouhler und Dr. med. Brandt sind unter Verantwortung beauftragt, die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann.“

Doch das entbindet den Arzt nicht von der Verantwortung für sein Tun. Karl Brandt selbst räumte später ein, dass das Führerprinzip, der bindende staatliche Befehl, auf das Handeln eines Arztes nicht anwendbar sei.[1] Brandt appellierte im Rahmen der Euthanasie, die ihm schlussendlich bekannt war und die er nicht leugnete, an die Verantwortung des einzelnen Arztes, nämlich dass ein Arzt unter keinen Umständen zur Euthanasie verpflichtet gewesen wäre, wenn er mit dieser infolge einer eigenen Entscheidung nicht einverstanden gewesen ist. Ein Arzt hatte demnach im Umkehrschluss förmlich die Verpflichtung, eine Euthanasie zu verweigern, wenn er eine solche nicht für richtig erachtete.

Die letzte Entscheidung traf der Arzt und dieser, und nicht Hitler, hatte eine solche zu verantworten. Auch Brandt schloss im Rahmen der Euthanasie den Missbrauch und „bedauerliche Zwischenfälle“[2] nicht aus, woraus man schließen darf, dass diese öfter vorkamen, als einige zur damaligen Zeit vermuteten. Erstaunlicherweise erregte die verhältnismäßig hohe Zahl der im Rahmen der Euthanasie getöteten Menschen in der Ärzteschaft selber keineswegs derartigen Unwillen, dass es zu größeren öffentlichen Protesten des Berufsstandes gekommen wäre.

(Entnommen aus „Unentschuldbare Schwäche. Der deutsche Arzt Karl Brandt – Das Leben und Wirken von Hitlers Leibarzt“ von Cornelia Lein.)

Das aber betrifft nicht nur den Arzt, also nicht nur meinen Vater. Nein, das betrifft jeden Menschen. Also auch mich. Die Verantwortung für mein Tun trage ich immer selbst, das muss ich immer selbst verantworten. Nie kann ich mich darauf zurückziehen, ‚angewiesen‘ worden zu sein, ich kann mich nie hinter einem anderen verstecken.

Und auch nicht hinter ‚den Zeiten’, dem ‚Zeitgeist‘ oder weil ‚es dann andere tun würden‘.

[1] Klaus Dörner, „Ich darf nicht denken“. Das medizinische Selbstverständnis der Angeklagten, in: Angelika Ebbinghaus/ Klaus Dörner (Hrsg.), Vernichten und Heilen. Der Nürnberger Ärzteprozess und seine Folgen, Berlin 2001, S.351.
[2] Alexander Mitscherlich/ Fred Mielke (Hrsg.), Medizin ohne Menschlichkeit, S.206.

Veröffentlicht in Allgemein

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