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Jenseits der Worte

Erst jenseits des Bewertens, Urteilens und Verurteilens kann man klar sehen.

Ich habe mich wieder und wieder gefragt, warum ich bei Besuchen in KZs immer nur für einen kurzen Moment etwas empfand, doch dann sofort wieder eine kontrollierte Haltung annahm. Ich konnte zwar sachlich darüber reden, aber ich empfand wenig dabei; innerlich blieb ich distanziert.

Als ich einen Bericht über junge Israelis sah, die während ihrer Schulzeit stets einmal nach Auschwitz fahren, fiel mir auf, dass einige tief berührt von dem waren, was ihnen dort begegnete, andere jedoch überhaupt nicht, sondern distanziert blieben – wie ich. Was aber ist der Grund dafür?

Als ich das Buch ‚Roman eines Schicksallosen‘ von Imre Kertész las, war es das erste Mal, dass ich dabei nicht über etwas Spezifisches nachdachte, sondern nur noch eine tiefe Traurigkeit empfand, Traurigkeit und eine Art Verzweiflung. Etwa Ähnliches erlebte ich auch in dem KZ Ravensbrück, als ich einen regelrechten Weinanfall bekam und wieder gehen musste. Danach war da nur noch (Intellektuelle) Fassungslosigkeit.

Was aber war das? Imre Kertész versucht in seinem Buch nicht, das Grauen darzustellen, sondern er schildert den Alltag im Konzentrationslager aus der Sicht eines fünfzehnjährigen Häftlings, ohne zu werten oder nach Erklärungen zu suchen.

Weshalb nur löst der ‚Roman eines Schicksallosen’ diese Fassungslosigkeit aus, die einen schier um den Verstand bringt? Die Welt des Lagers entzieht sich durch die konsequent festgehaltene Perspektive des Kindes der moralischen Bewertung und lässt einen moralischen Widerstand gar nicht erst aufkommen.

Diesem erschütterndem Perspektivenwechsel verdankt der Roman wohl seine Wirkung. Weg von dem Ankläger, stattdessen die Welt mit den Augen des Protagonisten erleben. In dem Moment aber, in dem der Schutzwall des Bewertens, Anklagens und Verurteilens wegfällt, sieht man, sah ich die Situation unverstellt.

Man sieht Auschwitz aus der Sicht eines Jungen, der das System Auschwitz zu verstehen sucht, um am Ende gar vom ‚Glück der Konzentrationslager’ zu sprechen. Und genau das offenbart die Tragik der KZs und der Politik des Dritten Reiches, deutlicher als jedes Urteil, das ich darüber fällen könnte. Und es legt auch die Verstrickung der Täter in das Elend offen, ohne ein Urteil, mit schonungsloser Direktheit.

Es ist die ungebrochene Hoffnung des Protagonisten, diese Hoffnung in der Ausweglosigkeit, die mich die Grausamkeit dieses System wirklich erkennen ließ. Nach der Rettung aus dem Konzentrationslager braucht der Protagonist nur einen einzigen Tag in Budapest, um zu begreifen, dass er sich nirgendwo mehr heimisch fühlen kann, denn zwischen ihm und den zu Hause Gebliebenen hat sich eine unüberbrückbare Kluft des Unverständnisses aufgetan.

Es ist das gleiche Unverständnis, das auch wir hinter allem Urteilen und Missbildungen haben. Es ist einfach nicht vorstellbar, doch durch den Roman wird es erfahrbar. Imre Kertész zeigt den Holocaust nicht als Tragödie des Judentums oder des 20. Jahrhunderts, sondern als Bankrott unserer christlich-europäischen Kultur. Er versucht nicht, das Grauen auszumalen, sondern er schildert den Alltag in einem Konzentrationslager aus der Sicht eines Kindes, ohne zu werten oder nach Erklärungen zu suchen. Gerade das macht den ‚Roman eines Schicksallosen’ zu einer erschütternden Lektüre.

Stattdessen hält er uns einen Spiegel vor: ‚Habt ihr bemerkt, dass in diesem Jahrhundert alles eigentlicher wird, sein eigentliches Selbst offenbart?‘, schreibt Kertész. ‚Der Soldat wird zum Berufsmörder, die Politik zum Verbrechen, das Kapital zu einem mit Krematorien ausgerüsteten Menschenvernichtungsbetrieb. Unser Zeitalter ist das Zeitalter der Wahrheit, ohne jeden Zweifel.

Dieser Roman machte mir klar, dass das, was im Dritten Reich passierte, nicht unmenschlich war, sondern eben menschlich. Und dass es aus genau diesen Gründen immer wieder passieren kann, wenn wir weiter von der ‚Unmenschlichkeit‘ dieser Zeit sprechen. Denn das stimmt nicht. Das ist für mich der Grund, mich nicht weiter in der Konvention zu bewegen.

Veröffentlicht in Allgemein

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