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Verantwortung

Wie aber übernehme ich Verantwortung für das, was war? Gerade habe ich einen Satz gelesen, der mich sehr nachdenklich gemacht hat: „Aber Verantwortung übernehmen auch für Geschehnisse, die weiter zurückliegen – das tun (manche) Politiker, das tut nun auch Marx.“ So war es in der aktuellen NN zu lesen in einem Text über das Rücktrittsangebot von Kardinal Marx an den Vatikan.

Es ist keine Frage, dass ich keine Schuld an dem trage, was geschehen ist und was mein Vater wie meine Mutter getan und zugelassen haben. Aber ich trage Verantwortung dafür, dass nicht der Mantel des Schweigens darüber gebreitet wird oder bleibt. Oder dass der Versuch unternommen wird, mit dem regelrecht aufzurechnen, was im zweiten Weltkrieg die Deutschen haben erdulden müssen.

Auch die Feststellung, dass die Juden, Sinti und Roma nicht erst von den Deutschen verfolgt wurden und auch, dass es Konzentrationslager schon davor gab, all das ändert nichts an der Grausamkeit und dem Leid, dass Menschen angetan wurde. Es ist durch nichts zu rechtfertigen oder zu beschönigen.

Für all das trage ich nicht die Schuld, aber es stellt mich als Sohn und Deutscher in die Verantwortung. Das beginnt damit, dass ich schonungslos aufzuklären habe was war. Und nicht ausweiche, weil es mir weh tut, dass meine Eltern getan haben, was sie taten. Die Trauer darüber, was den Opfern angetan wurde, die bleibt.

Die Vergangenheit hat auch mich geprägt, hat mich hart werden lassen, auch gegenüber meiner eigenen Familie. Auch das gehört zu meiner Verantwortung, diese Verhaltensweisen überhaupt zu erkennen und sie vor allem aufzulösen. Es ist meine Verantwortung, dazu zu stehen und die Konsequenzen zu tragen.

Es ist auch meine Verantwortung zu tun, was in meiner Macht steht, dass so etwas nicht wieder passiert. Das bedeutet die Verantwortung für das zu übernehmen, was war. Genauso bedeutet es, die Eigenverantwortung für mich selbst rückhaltlos zu übernehmen. Aber das geht wesentlich tiefer, als ich bisher dachte.

Mir ist über die Zeit, in der ich mich mit der Geschichte meiner Eltern befasse, klar geworden, wie sehr meine Eltern in mir stecken. Bert Hellinger soll einmal gesagt haben, dass wir keine Eltern haben, sondern unsere Eltern sind.

Als Jugendlicher und auch später, war ich mir sicher, dass ich es anders mache als meine Eltern. Tatsache ist, das es aber genau umgekehrt ist. Nicht jeder weiß das und es dauert darüberhinaus lange, das auch zu akzeptieren. Daher gehört es auch zu meiner Verantwortung zu erkennen, was ich von meinen Eltern übernommen habe. Da hilft es auch nicht zu wissen, dass das unbewusst geschieht.

Erst einmal ist die Frage, was mich geprägt hat und dann, wie ich da wieder rauskomme. Meine Eltern waren eben meine Vorbilder. Wie ich mich verhalte, ob privat oder im Beruf, das habe ich vielfach von ihnen gelernt. Meine Eltern haben mich geprägt, im Positiven wie im Negativen.

Dass mein Gehirn ein Gewohnheitstier ist, entlastet mich nicht. Genau das muss ich verantworten. Auch viele politische Überlegungen meiner Eltern habe ich übernommen, ohne wirklich darüber nachzudenken. Manchmal muss man tiefer graben, bis man darauf kommt, was wirklich hinter einem scheinbar harmlos klingenden Spruch wirklich steckt.

Es geht um die Bewusstheit meines Denkens, um Propriozeption. Vielleicht ist das die wichtigste Verantwortung, die ich übernehmen muss, die Verantwortung für mein eigenes Verhalten.

Veröffentlicht in Allgemein

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