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Mein Vater

Er saß in meinem Kopf und machte dort was er wollte. Jedenfalls so lange ich nicht klar mit ihm kam. Gut, wenn man noch mit ihm reden kann. Weil ich das nicht kann, kann ich das nur in Aufstellungen tun.

Meine Beziehungen in der Natur, der Welt und in der Gesellschaft sind das, was mich ganz maßgeblich ausmacht. Und natürlich auch so teilweise stark belastete emotionale Beziehungen wie die zu meinen Eltern. Epigenetik lässt grüßen.

Seit ich mein Verhältnis zu ihnen auf die Reihe gebracht habe, geht es mir ganz entschieden besser. Es beherrscht einfach nicht mehr mein Leben. Mein Vater sitzt nicht mehr in meinem Kopf, was nicht bedeutet, dass ich seine Taten vergessen oder gar in irgend einer Weise rechtfertigen würde.

Der erste Schritt war überhaupt in Erfahrung zu bringen, was er tatsächlich gemacht hat. Das brachte Klarheit in mein Hirn. Was erst einmal nicht erfreulich war, sondern grausam. Nur es hatte nichts mit mir zu tun, ich war daran überhaupt nicht beteiligt. Es geschah vor meiner Zeit, ich war da noch gar nicht geboren.

Ich regte mich zwar darüber auf, wie er war, aber das hatte nichts mit mir zu tun. Das habe ich nach einiger Zeit begriffen. Dann habe ich versucht zu verstehen, wie es dazu kommen konnte. Was auch nicht so erfreulich war, denn mir wurde klar, dass jeder Mensch in ein ganz ähnliches Dilemma kommen kann. Wirklich jeder, also auch ich.

Die Anlage dazu haben wir alle. Niemand kommt gut oder böse auf die Welt. Das Destruktive, im Ernstfall auch das Töten, ist genauso ein Erbe des Menschen wie die Moral die wir haben, um die eigene Gemeinschaft zu schützen und wachsen zu lassen. Sind beide Elemente in ausgeglichener Balance, passt alles. Das hört auf, wenn eine der Seiten übermächtig wird.

Mit dem Wissen ihrer ganzen Geschichte erscheinen uns viele Menschen, wie mir mein Vater, janusköpfig oder wie ein Wechselbild. Mal sehen wir das Eine, mal das Andere, je nachdem, was wir im Kopf haben, was wir wahrnehmen wollen (!!). Aber diese Zwiespältigkeit als ein einziges Bild wahrzunehmen ist schwierig, vielleicht nur unter besonderen Voraussetzungen realisierbar.

Liest man sich in die Geschichte der NS-Zeit ein, dann merkt man schnell, dass das kein „historischer Unglücksfall“ war und die Menschen nicht unmenschlich, sondern sehr menschlich gehandelt. Das ist das für mich wirklich Erschreckende, nämlich dass wir Menschen alle in der Lage sind, grausige Dinge zu tun, wenn wir uns dazu verführen lassen.

Mein Vater muss verantworten, was er getan hatte. Wie es dazu kam ist dabei ohne Bedeutung, es zählt nur die Tat als solche. Dass er sich (wohl) verführen ließ, entschuldigt nichts. Was ich ihm als sein Sohn vorwerfen könnte, das ist, dass er und meine Mutter den Mantel des Schweigens darüber gebreitet haben und wir auch als Familie nur ein konventionelles Leben führten, aber keine wirkliche Gemeinschaft, eine, die den Namen „Gemeinschaft“ wirklich verdient hätte. Das war dem Schweigen geschuldet, damit ja nichts an’s Licht kommen konnte. Dass ich diese Tradition später selbst auch so gelebt habe, weil ich mir nicht bewusst war, dass ich genau das fortsetzte, macht es wahrlich nicht besser und für mich nicht einfacher.

Doch vorwerfen könnte ich es ihnen nur dann, wenn ich davon ausginge, dass sie sich dessen überhaupt bewusst waren, was dieses Schweigen für meinen Bruder und mich bedeutet hat. Wir spürten, dass etwas nicht stimmte, doch niemand sprach mit uns darüber. Dass ich das an meine Kinder weitergegeben habe, das wiederum ist meine eigene Verantwortung. Jetzt denke ich zu verstehen, was Hellinger mit dem Satz „unschuldig schuldig werden“ wohl sagen wollte.

Was für mich als Sohn bleibt, das ist, dass meine Eltern zu uns Kindern nicht offen waren, sich nicht „gezeigt“ haben. Das ist, was ich ihnen vorwerfen kann, was ich aber auch vergeben kann. Vielleicht muss ich dafür noch ein paar Lektionen Aikido lernen. Das andere und viel Schwerere ist Sache der Opfer. Das ist ihre Schuld, die ich nicht für sie tragen kann.

Wie sagte Hannah Arendt? „Vergebung ist der einzige Weg, um den irreversiblen Fluss der Geschichte umzukehren.“ Ich denke, dass für mich der Schlüssel zum Öffnen der Verstrickungen mit ihm ist, ihn nicht zu bewerten und nicht über ihn zu urteilen; was keinesfalls bedeutet, dass ich seine Taten nicht beurteilen und nicht verurteilen würde. Das tue ich nämlich.

Veröffentlicht in Allgemein

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