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Bewusstheit meiner selbst

Es gibt Dinge, von denen man sich nicht vorstellen kann, dass man sie selbst tun könnte. Etwa dass man Menschen köpfen, vergiften, aus egoistischen Gründen oder einfach nur aus wissenschaftlichem Interesse quälen und auch töten könnte.

Wir weisen es weit von uns, wenn jemand behaupten würde, dass wir selbst dazu fähig wären. Aber können wir uns dessen sicher sein? Was hat etwa meinen Vater, wie auch viele andere, ganz selbstverständlich solche Taten begehen lassen?

Das ist die Frage, der wir uns stellen müssen. Denn wir sind ganz fraglos in dem selben Moment dazu fähig, in dem wir glauben, dass es notwendig sei, um uns selbst oder uns Nahestehende zu schützen. Manchmal genügt es schon, wenn die ‚Ehre‘ angegriffen wird. Wir müssen es einfach nur glauben, dass es richtig wäre, es zu tun. Und dann werden wir es auch tun.

So einfach ist das. Nur ein kleiner Schritt. Auch im Dritten Reich genügte eine feine Verschiebung in den Grundeinstellungen der Menschen, um das uns heute nicht Vorstellbare für die Menschen damals vorstellbar werden zu lassen.

Das Einzige, das uns davor bewahren kann, ist eine Haltung zu haben wie sie beispielsweise Dietrich Bonhoeffer oder die Geschwister Hans und Sophie Scholl hatten. Doch das ist kein absoluter Schutz, denn woher sollen wir wissen, dass unsere Einstellung die richtige ist? Das können wir nicht.

Ich muss mir darüber im Klaren sein, dass ich nie wissen kann, ob ich ‚richtig‘ liege, das ist unmöglich. Es zu glauben gibt mir keine Garantie. Was also kann ich tun? Wie kann ich mir sicher sein, auf der stimmigen Seite zu sein?

Das werde ich erst dann erkennen, wenn ich die Vorstellung von ‚richtig‘ oder ‚falsch‘ aufzugeben in der Lage bin, um zu tun, was zu tun ist. Doch es ist nichts, was ich definieren könnte. Was also lässt mich im Einklang mit allem handeln?

Ich kann im Einklang mit dem Gesetz handeln. Oder im Einklang mit dem Commonsense. Oder mit einer Religion, einer Weisheitslehre, einer Philosophie, wissenschaftlicher Erkenntnis. Doch ich werde nie wissen können, ob ich damit ‚richtig‘ liege.

Das muss ich immer selbst verantworten. Aber ich muss es auch tun! Doch das werde ich nicht, nur weil ich es will, sondern ich tue immer nur das, was für mich selbstverständlich (geworden) ist. Doch genau das ist mir am allerwenigsten bewusst. „Ikkyû Sôjun“ hat es in einem seiner Gedichte sehr gut ausgedrückt:

All die Geschichten und alten Beispiele vermehren nur die Lügen,
Auch das tägliche Verbeugen vor den Oberen,
Und das Protzen mit dem wahren Wissen,
das über allem auf der Welt steht …
Die Mädchen vom Bordell dagegen, sie tragen den Goldbrokat.

Das erinnert mich an das Buch ‚Naked Presenter‘ von Garr Reynolds. Wenn ich im übertragenen Sinn nackt bin, bin ich absolut offen. Da ist keine Maske mehr, hinter der ich mich verstecken könnte. Es bedeutet das Ende jeglicher Konvention. Es ist nicht das Außergewöhnliche, auf das es ankommt, sondern auf das Gewöhnliche, meine alltägliche Haltung. Die ist dafür verantwortlich, wenn ich auf die schiefe Ebene gerate. Oder eben nicht.

Es ist die Frage, ob ich zu einer wirklichen Gemeinschaft bereit bin oder nur zu einer Pseudogemeinschaft. Dass die Kommunikation in der Pseudogemeinschaft über Verallgemeinerungen abläuft, dass sie höflich, unauthentisch, langweilig, steril und unproduktiv ist bedeutet, dass ich dann auch so bin, denn sonst kann ich ja so nicht kommunizieren.

Es hatte eine Weile gedauert, bis ich endlich begriff, dass auch ich mir immer absolut treu bin, also meiner inneren Haltung. Wie heißt es doch so schön: Ich bin, der ich bin. Ich glaubte lange Zeit, dass ich mich bewusst entscheiden kann, wie ich sein will. Ein gewaltiger Irrtum. Natürlich bedeutet das nicht, dass ich so bleiben müsste.

Ich kann es selbstverständlich auch ändern, nur eben nicht kurzfristig. Jede Verhaltensänderung will trainiert sein. Das heißt, ich muss die Prinzipien verinnerlicht haben, nach denen ich mich ausgerichtet sehen möchte. Die Form, das Gefäß, bestimmt, welcher Inhalt darin transportiert werden kann. Nichts anderes gilt für einen Diskurs, eine Diskussion, ein Gespräch oder einen Dialog.

Ein Diskurs oder eine Debatte wird nie den Inhalt zeitigen können, den ein Dialog möglich macht. Auch Selbstorganisation ereignet sich nur, wenn die Form dafür da ist, was jedoch noch lange keine Garantie dafür ist, dass sie sich ereignet.

So bestimmt etwa meine Art der Sprache durch ihre Vokabeln, ihre Grammatik, ihre Syntax und durch den ganzen Geist, der in ihr enthalten ist, wie der Hörer etwas empfindet und welche Empfindungen in sein Bewusstsein eindringen. Was wiederum davon abhängt, wie und ob er uns überhaupt versteht. Selbst wenn wir die selbe Sprache benutzen, gebrauchen wir sie doch in unterschiedlichsten Formen.

Ich bin mir sogar sicher, dass man meine Haltung auch in meiner Sprache wiederfindet. Es ist nicht so, dass die Inhalte klarer würden, sondern der Gebrauch der Sprache ist klarer geworden – oder umgekehrt. Ich denke, wie ich spreche und das lässt exakt die Inhalte entstehen, die dann entstehen.

Das ist zwingend. Früher hatte ich eine wenig konkrete und auch wenig festgelegte Sprache. Weshalb? Weil ich genau so beliebig auch dachte, also beliebig und nicht festgelegt war. Erst als ich aufhörte als Anwalt zu arbeiten habe ich das ändern können. Ich hatte eine gesellschaftliche Erwartungshaltung als ‚ich-selbst-bin-so‘ adaptiert, was fatale Auswirkungen auf die Art hatte, wie ich war.

Meiner in diesem Sinne selbst bewusst zu sein kann ich nur, wenn ich in jedem Augenblick vollkommen bewusst bin, wenn ich nicht mehr darüber nachdenken muss, was ich tun will, sondern ganz selbstverständlich das Stimmige tue. So wie es die körperliche Bewusstheit gibt, so gibt es auch die geistige und vor allem die emotionale Propriozeption.

Das ist, was mich davor bewahren kann abzurutschen, nichts sonst.

Veröffentlicht in Allgemein

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