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Der Nazi in mir

Eine Klarstellung vorab: Ich lehne die Gedanken des Nationalsozialismus aus tiefster Überzeugung ab. Ich habe solche Ideen noch nie für gut befunden. Politisch war ich immer auf der ‚anderen Seite‘ unterwegs.

Man kann mit Fug und Recht sagen, dass ich schon immer dagegen war. Seit ich denken kann habe ich Gegenposition eingenommen und vertreten. Ich habe auch Freundschaften beendet, wenn ich gemerkt habe, dass mein Gegenüber ein verkappter Nazi ist oder rechtslastige Tendenzen hatte und nicht mit sich reden ließ. Warum also der Titel ‚Der Nazi in mir‘?

Weil genau das das Problem war, mit dem ich lange kämpfte, jedoch ohne überhaupt zu merken oder gar zu wissen, was mich umtrieb. Ich konzentrierte mich derart auf das, was ich tat, dass ich überhaupt nicht merkte, wie ich es tat. Seit ich mich jedoch intensiv mit den Gedanken von Marshall McLuhan beschäftige, ist mir klar geworden, dass das ‚Wie?‘ einen Menschen in erster Linie ausmacht und eben nicht das ‚Was?‘. Also auch ich bin erst einmal ein ‚Wie?‘.

Wenn mich ein anderer wahrnimmt, ist also nicht allein entscheidend, was ich denke, empfinde, sage oder tue, sondern auch wie ich es sage und tue. Wie ich denke kann ein anderer ja nicht wahrnehmen, auch wie ich wirklich empfinde ist nicht so einfach feststellbar. Das bedeutet fataler Weise, dass ich ganz anders ‚rüber kommen‘ kann, als ich tatsächlich denke. Nur wie bin ich dann? So wie ich denke oder so, wie ich tatsächlich bin, mich also verhalte?

Ich denke, beides ist richtig. Das ‚Wie ich bin‘ macht mich genauso aus wie das ‚Was ich bin‘. Beide zusammen tanzen den Tango meiner Persönlichkeit. Oder eben Walzer. Es kann auch ein Schieber sein, was aber nicht abwertend gesehen werden darf, es ist einfach eine andere Kultur. Wichtig ist zu sehen, dass die Kultur, die ich gelernt und angenommen habe, ja auch in dem ‚Wie?‘ steckt.

Was waren also die Bedingungen, die mich haben werden lassen, wie ich bin (also wie ich denke und damit, wie ich mich verhalte)? Das beginnt mit meiner Zeugung. Erst haben mich die 9 Monate im Bauch meiner Mutter emotional geprägt, dann meine Kindheit und Jugend. Also nicht nur die Tatsache, dass ich noch jung war und erst einmal die Welt kennen lernen und erfahren musste, um mich darin bewegen zu können, sondern alles, was mir begegnete und mich prägte.

Es waren die Menschen um mich herum wie auch meine tatsächliche Lebenssituation, die mich grundlegend prägten. Dabei habe ich das nicht analytisch betrachtet, sondern unbewusst emotional ‚erfasst‘ und auch vielfach unreflektiert aufgenommen. Mit anderen Worten: Ich habe mich nicht gegen meine Empfindungen entschieden! Und es ist ist müßig, ob ich das unbewusst oder bewusst tat, denn entscheidend ist, dass ich es nicht getan habe. Entscheidend war, ob ich etwas ‚mochte‘ oder eben nicht. Und das ist es auch immer noch.

Nur bin ich dem nicht mehr wie als kleines Kind ausgeliefert, ich kann jetzt darüber reflektieren und meine ‚Meinung‘ ändern. Mit anderen Worten, ich kann eine andere emotionale Haltung dazu einnehmen. Allein die Reflexion befreit mich aus der Falle des Mögens und Nicht-Mögens, denn beides ist eine Falle, da ja beides sowohl richtig wie auch falsch sein kann.

Um zu reflektieren, wie ich bin, muss ich mir überhaupt erst einmal bewusst werden, wie ich wurde, nicht was ich wurde, sondern wie ich wurde. Das ist in der Regel tief im Nicht-Bewussten vergraben und selten offensichtlich, vor allen Dingen nicht für mich selbst. Aber es lohnt sich, dies an die Oberfläche zu holen. Dann kann ich es reflektieren, womit ich ihm die Macht über mich nehme, denn ich mache es mir bewusst. Macht über mich hat es jedoch nur, wenn ich mir dessen nicht bewusst bin.

Früher dachte ich immer, es ginge alleine um die NS-Ideologie, der meine Eltern gefolgt sind. Doch das war ganz offensichtlich zu kurz gedacht. Es geht nicht nur darum, sondern auch um die emotionale Haltung, die ich ‚gelernt‘ habe. Ich bin der Überzeugung, dass mich das ganz wesentlich ausmacht und eben nicht nur, was ich denke und wovon ich überzeugt bin.

Meine Emotionalität lässt mich sein, wie ich bin, die Struktur meines Denkens hingegen lässt mich denken, was ich denke. Beides zusammen macht mich aus, ist meine Persönlichkeit. Sehr bewusst geworden ist mir das durch die Literatur über die Personen des Dritten Reichs, Bücher wie ‚Du trägst meinen Namen‘, ‚Hitlers Hofstaat‘ oder ‚Hitlers Arzt Karl Brandt‘, wobei mich das letzte Buch besonders beeindruckt hat.

‚Eigentlich‘ habe ich auf Grund der Tatsache angefangen zu lesen, dass mein Vater unter Karl Brandt gearbeitet hat. Wirklich berührt hat es mich jedoch als mir die Emotionalität des Menschen ‚Karl Brandt’ bewusst wurde. Da begriff ich, dass mich nicht allein ausmacht, was ich tue, sondern dass das wie, also wie ich bin eine enorme Rolle spielt.

Bisher dachte ich immer, dass es neben dem 6. Sinn auch einen 7. Sinn gibt, die Propriozeption des Denkens, die auch David Bohm beschrieben hat, einer der modernen Vertreter des Dialogs. Doch das ist nicht alles, es ist nicht das Ganze, das mich zu dem Menschen macht, der ich bin: Es kommt noch der 8. Sinn hinzu, die Propriozeption der Emotionalität.

Der 6., der 7. und der 8. Sinn machen mich in meiner Persönlichkeit aus; wie ich mich bewege, wie ich denke und wie ich emotional unterwegs bin. Das ist der Weg, mich aus der Geschichte meiner Familie zu lösen: Ich brauche mich nur aus dem Übernommenen zu lösen – körperlich, intellektuell und emotional. Das ist was mich ausmacht, ohne dass es mir bewusst wäre. Doch wenn ich mir dessen bewusst bin, kann ich es auch ändern.

So wurde mir bewusst, dass ich mich teilweise nicht nur bewegte wie mein Vater, sondern dass ich auch der gleichen Ideologie wie meine Eltern folgte. Als letztes wurde mir ihre Emotionalität in mir selbst bewusst. Und das war vielleicht das Entscheidende, das Zünglein an der Waage. Alles Dinge, in die ich ‚hineingewachsen’ war. Will ich jedoch ein eigenständiger Mensch sein, muss ich da wieder heraus finden.

Also muss ich meine Art mich zu bewegen, die Struktur meines Denkens und meine Emotionalität sehr genau reflektieren und hinterfragen, will ich zu mir selbst finden. Dabei kam mir wieder einmal die ‚Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft‘ von Étienne de La Boétie in den Sinn. Wie schnell man (also auch ich) doch bereit ist, sich zu korrumpieren, nur um ein Stückchen von der Macht abzubekommen.

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