Zum Inhalt springen →

Dem Netz der Lügen entsagen

Dr. Walter Mielenz hat vor dem Tribunal wegen der im Nationalsozialismus begangen Verbrechen gegen die Menschlichkeit eine eidesstattlichen Versicherung für Professor Karl Brandt, den ‚Generalkommissar für das Sanitäts- und Gesundheitswesen‘, abgegeben. Darin „bestätigt“ er, dass Karl Brandt keinen Auftrag von Hitler erhalten hätte, Forschung im Zusammenhang mit chemischen Kampfstoffen zu tätigen.

Dr. Hans Zettel, mein Vater, hat in seiner eidesstattlichen Versicherung vor dem selben Tribunal „bestätigt“, dass Professor Paul Rostock, Leiter des von Brandt ins Leben gerufenen ‚Amt für medizinische Wissenschaft und Forschung‘, absolut nichts von Versuchen an Menschen gewusst hätte.

Durch die mittlerweile vorgefundenen Dokumente ist unbestreitbar belegt, dass beide eidesstattliche Versicherungen falsch waren. Sie verschweigen nicht etwas, sondern sie sagen die Unwahrheit wider besseres Wissen. Und es ist auch belegt, dass beide, Walter Mielenz wie auch mein Vater, selbst in die Machenschaften von Brandt, Rostock und anderen involviert waren.

Für mich ist das erst einmal eine Tatsache, die vieles in meinem Leben anders erscheinen lässt. Natürlich weiß ich, dass niemanden außer mir selbst für mein Leben verantwortlich ist, nur mich selbst. Heute weiß ich, dass ich viel früher die Fragen hätte stellen müssen, die ich erst in der letzen Zeit gestellt habe.

Meinen Eltern mache ich keinen Vorwurf, denn was passierte, war vor meiner Zeit. Wenn ich jemandem einen Vorwurf mache, dann mir selbst, dass ich mich nicht früher gegen die Dinge zur Wehr gesetzt habe, die ich nicht wollte. Ich habe wider besseres Wissen und gegen meine eigenen Empfindungen gehandelt und in einem Spiel mitgespielt, dass ich ‚eigentlich‘ nicht spielen wollte.

Eines habe ich verstanden: Kein Handeln mehr wider besseres Gefühl. Dazu brauche ich vollkommene Ehrlichkeit und wirklichen Klartext in allem, will ich nicht auf meine eigenen Gefühle hereinfallen. Kein Spiel mehr mitspielen, das das Spielen nicht wert ist. Keine Rücksichtnahme mehr, nur um mich selbst zu schützen. Ich habe wirklich verstanden, dass es verdammt übel ausgehen kann, wenn man mit den Wölfen heult und dem Mainstream folgt, weil man etwas erreichen will, weil man dazu gehören will, weil man nicht ausgeschlossen sein will.

Nicht was damals getan wurde ist das wirkliche, das eigentliche Problem, sondern das, was die Menschen so handeln und werden ließ und auch immer noch handeln und werden lässt. Das hat nichts mit dem NS-Regime zu tun, sondern damit, dass wir meist noch immer lieber in der Konvention als in der Wahrheit leben. Die Wahrheit ist uns oft zu radikal, zu kompromisslos.

Lieber tun wir so, als sei alles in Ordnung, auch wenn wir ‚eigentlich‘ wissen, dass nichts in Ordnung ist. Wir spielen das Spiel so lange, bis es irgendwann kein zurück mehr gibt, bis wir nicht mehr aus der Situation herauskommen. Wenn wir keine ethische Haltung haben, die der Wirklichkeit gerecht wird, einer Wirklichkeit, wie sie ist und nicht, wie wir sie glauben zu sehen oder auch sehen wollen, um unsere Interessen durchsetzen zu können.

Das bedeutet, wir müssen die Wirklichkeit ergründen und nicht einfach annehmen, wir wüssten, was wirklich ist. Wir müssen lernen, die Wirklichkeit zu sehen, wie sie ist und nicht, wie wir sie uns vorstellen. Denn wir wissen heute, dass die Wirklichkeit ganz anders ist, als wir sie uns bisher vorgestellt haben und viele sie sich noch immer vorstellen. Nur wir wollen es bisher vielfach noch nicht wahrhaben, bedeutet das doch, ‚Wirklichkeit‘ erst lernen zu müssen. Nur das müssen wir, wollen wir nicht wie unsere Eltern und Großeltern Gefahr laufen, das Gleiche zu machen wie sie.

Ich habe gerade einen interessanten Text gelesen, worin die Aussage Willi Brandts „Krieg ist nicht mehr die Ultima Ratio, sondern die Ultima Irratio.“, der Satz von Wilhelm Busch „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ und der Satz des Ch’an-Meisters Niútóu Fǎróng „Gewinn und Verlust – zwei Seiten ein und des selben – was soll da das Reden von gut und schlecht.“ einander gegenüber gestellt wurden.

Doch es gibt noch eine weitere Überlegung, sozusagen eine praktische Umsetzung des Gedanken von  Niútóu Fǎróng: Aikido, basierend auf den Gedanken von Ueshiba Morihei. Aikido kann man nicht nur auf der körperlichen Ebene praktizieren, man kann es auch geistig anwenden. Entscheidend ist, dass man den Basisprinzipien folgt, den Gedanken des Ch’an und sie ernsthaft in das eigene Denken integriert. Denn das ist die Grundlage des Aikido. Wem das zu abgehoben erscheint, der kann sich mit den fundamentalen Fragen beschäftigen, die die Quantenphysiker erkannt haben. Die sind nämlich auf das Gleiche gekommen. Wichtig ist, nicht in den Mystizismus abzudriften.

All das hat eine Voraussetzung: Ich muss anders denken lernen, ich muss lernen die Welt zu sehen, wie sie wirklich ist. Nur dann kann ich wirklich leben. Wenn ich wirklich leben will, muss ich mit all den Geschichten und manchmal auch handfesten Unwahrheiten wie mit dem Schweigen aufhören, wo etwas gesagt gehört. Es muss Schluss sein mit dem Selbstbetrug und der Selbsttäuschung. Ich muss sehen, wie die Welt ist und nicht, wie ich gerne hätte, dass sie wäre.

Selbstbetrug und Selbsttäuschung. Das ist der fatale Beitrag, den auch ich jahrelang geleistet habe. Damit mache ich jetzt wirklich Schluss. Ich will kein Rädchen mehr im Getriebe sein, sondern ein eigenständig denkender und handelnder Mensch, der die Welt sieht, wie sie wirklich ist.

Veröffentlicht in Allgemein

Kommentare sind geschlossen.