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Gedanken über meine Eltern

Weshalb beschäftige ich mich mit der Geschichte meiner Eltern? Ganz einfach, weil es meine Eltern sind. Und das hat große Bedeutung für mich. Als ich klein war, stellten meine Eltern für mich die Welt dar, wie für jedes kleine Kind. Sie definierten meine Umgebung und mein eigenes Sein, sie legten die Grundlagen für mein Urvertrauen, ja für meine gesamte Persönlichkeit.

Die Stimmung innerhalb der Familie hat nun einmal einen gewaltigen Anteil an der Persönlichkeitsbildung eines Kindes. Wächst es in einer harmonischen Familie auf, die von gegenseitigem Respekt und Rücksichtnahme geprägt ist, wird es dies ebenso in seine Persönlichkeit integrieren, wie wenn in der Familie – insbesondere zwischen den Eltern – ständig Streit und Disharmonie herrscht.

Dies beginnt nachweislich bereits vor der Geburt. Meine Eltern waren also für mich zuallererst Vorbilder. Sie waren meine Welt, denn ich kannte ja nichts anderes. Und dieses erste Bild der Welt, das ich durch meine Eltern kennengelernt habe, habe ich zu meinem eigenen gemacht.

Ich denke, dass mein Vater zumindest später eine wichtige Bezugsperson für mich war. Vielleicht gerade deswegen, weil er nicht nur wegen seines Berufes kaum für mich ‚da‘ war. Eine Rolle hat sicher auch gespielt, dass ich gegen vieles im Leben unserer Familie rebellierte, was paradoxerweise die Bindung an sie noch stärker werden lies.

Rebellieren ist etwas ganz anders als sich von den Eltern abzulösen und eigenständig zu werden. Genau das aber habe ich durch mein ‚Dagegen-Sein‘ nicht so wirklich hinbekommen. Es ist müßig einen Sinn darin finden zu wollen, weshalb ich in meiner Jugend ganz anders zu leben suchte als sie.

Es ist einfach eine Tatsache, dass ich mich nicht von ihnen löste. Keine Frage, dass es da mit ‚Eigenständigkeit’ nichts werden konnte. Das ist aber nicht ihr Fehler, ich hätte ja auch einfach ‚Nein, danke!‘ sagen können, wenn sie mir finanziell immer wieder unter die Arme griffen.

Das Bindungsverhalten eines Kindes zu seinen Eltern ist in seinen ersten zwei Lebensjahren besonders stark ausgeprägt. Danach wendet sich das Kind mehr und mehr der Außenwelt zu. Diese Öffnung ist auch ein erster Schritt in Richtung Selbständigkeit und damit eines Ablösungsprozesses von den Eltern, der schließlich in der Pubertät seinen Abschluss findet. Also idealerweise.

Bei mir war es definitiv nicht so. Doch wem sollte ich dafür die Schuld geben? Ihnen? Mir? Beides ist – Entschuldigung – bescheuert und bringt mich der Lösung kein bisschen näher. Erst wenn ich es ohne jegliche persönliche Betroffenheit sehen kann, kann ich mich davon lösen. Emotionen sind nun einmal ein Schleier, der mich nicht klar sehen lässt.

Was ich aber lange nicht registrierte und auch nicht begriff, das ist, dass die unabdingbare Voraussetzung für eine Loslösung ist zu wissen, wovon ich mich überhaupt lösen musste. Dass das ein Problem für mich war, hätte ich eigentlich schon damals merken können, als ich ziemlich überdreht reagierte, als mein Vater gestorben war und niemand da war, mit dem ich darüber hätte reden können.

Mit anderen Worten: Erst als ich wirklich sah, wie meine Eltern waren, was sie dachten und welcher Ideologie sie folgen, konnte ich die in meiner Kindheit übernommenen Anteile reflektieren und mich auch davon lösen. Das ist der persönliche Aspekt. Es gibt aber auch noch einen ganz anderen Aspekt, nämlich den gesellschaftlichen. Und der ist mindestens genauso wichtig.

Es ist müßig, darüber zu urteilen, was in der Zeit 1933 bis 1945 passierte und getan wurde, auch von meinen Eltern. Doch nicht zu urteilen und nicht zu beurteilen heißt für mich auf keinen Fall, das ad acta zu legen. Denn ganz unabhängig von Genen und auch von Epigenetik bin ich ein Mensch, genau wie sie. Und das meine ich jetzt ganz ernst. Denn erst, wenn ich begriffen habe, welcher Mechanismus dazu geführt hat, dass sie taten, was sie eben taten, kann ich selbst lernen, nicht in die gleiche Falle zu laufen. Dazu ein für mich sehr wichtiger und wirklich lösungsorientierter Text von Albrecht Mahr:

Die Kraft, derer sich der Nationalsozialismus bemächtigt hat – oder besser: das versucht hat – ist vergleichbar mit der Atomkraft, die unvorstellbar destruktiv sein kann, aber auch sehr nützlich. Im Nationalsozialismus waren die Bereitschaft des Dienens, des Verzichts auf persönliche Vorteile, die große Entschlossenheit etc. aufgerufen – alles gute Dinge – und sie waren in den Dienst einer vernichtenden rassistischen Ideologie gestellt, die von Abermillionen mitgetragen wurde.

Die destruktive Ideologie und die von ihr missbrauchten Kräfte sind aber nicht das Gleiche, da sind wir zur Klarheit der Unterscheidung aufgefordert. Das heißt, wir müssen uns der mächtigen Kräfte z.B. unbedingter Entschlossenheit und der Willenskraft, für die Wahrheit einzutreten, bewusst werden und lernen, sie für die Ziele einzusetzen, die allen Menschen dienen und niemanden ausschließen.

Die Verquickung von Macht und Ideologie hat in Deutschland eine „pazifistische Versuchung“ nach sich gezogen, das heißt Aggression in jeder Form zu vermeiden, weil sie mit Faschismus gleichgesetzt wurde. Diese Art der Friedfertigkeit führt zu Kraftlosigkeit – wir werden dann „wie gekochtes Gemüse“, wie einmal jemand gesagt hat.

Es hilft also nichts, wir müssen uns mit all diesen Seelenkräften vertraut machen, gerade auch mit den aggressiven und mit denen, die die Keime zu Gewalttätigkeit enthalten und die nun mal zu unserer Grundausstattung gehören. Das lässt uns am Ende friedfertiger und zugleich kraftvoller werden – wir brauchen beides.’

Nur woran merke ich, was ich von meinen Eltern übernommen habe? Es geht dabei nicht darum, ob ich meine Teetasse wie mein Vater halte (was ich nicht tue), sondern es geht vor allem um die Art zu denken, also die Struktur meines Denkens. Marshall McLuhan hat an dem Beispiel Medien beschrieben, was aber ganz allgemein gilt: Das Medium ist die Botschaft. Damit ist gemeint, dass dem jeweils verwandten Kommunikationsmittel eine zentrale Bedeutung bezüglich der Wirkung der jeweiligen Aussagen zukommt.

McLuhan erkannte vielleicht als einer der ersten, dass Technologien eine ‚Ausweitung der eigenen Person sind‘. Eine Kamera lässt sich demnach als eine Erweiterung des Auges und ein Radio als eine Erweiterung des Ohrs interpretieren. Und haben wir nicht selbst schon die Erfahrung gemacht, dass das von uns benutze Auto uns letztlich ‚irgendwie‘ ausmacht, wenn wir nicht sehr, sehr achtsam sind und vollkommen gelassen sind?

Und sagt nicht Ludwig Wittgenstein ‚Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt‘? Sprache ist das Medium, mit dem ich mich mit meinen Mitmenschen in Beziehung setze. Doch das ist sozusagen das Ergebnis, denn Sprache ist auch ein Ausdruck meiner Art zu denken, also der Struktur meines Denkens. Es macht einen Unterschied, ob ich von einem Feld der Möglichkeiten oder einem Feld des Möglichen spreche. Im ersten Fall habe ich eine Wahlmöglichkeit, im zweiten hingegen vollkommene Offenheit.

Ich habe, wie meine Mutter zu mir, zu meinen Töchtern sicher des öfteren gesagt hat, dass sie sich endlich ‚am Riemen reißen‘ sollten. Doch das war nicht einfach ‚nur‘ Sprache, sondern auch eine ideologische Einstellung. Schon 1933 entstand Karl Kraus‘ ‚Dritte Walpurgisnacht‘, die die Sprache der nationalsozialistischen Propaganda konsequent der Gedankenwelt Goethes gegenüberstellt und aus der Analyse der nationalsozialistischen Sprache zu einer folgerichtigen Vorhersage der weiteren Entwicklung gelangt. Und exakt so bin, ich ohne es zu merken, über das Erlernen der Sprache in die Ideologie meiner Eltern hineingewachsen.

Das ist der Grund, weswegen ich mich mit der Geschichte meiner Eltern beschäftige. Vorrangig natürlich mit der meines Vaters, ganz einfach deswegen, weil ich dazu Fakten finde. Von meiner Mutter weiß ich nichts aus dieser Zeit, außer dass sie eine hervorragende Schneiderin und sehr zielstrebig war.

Doch das ist nicht die ganze Wahrheit über sie; nur ein Aspekt.

Veröffentlicht in Allgemein

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