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Sine ira et studio

„Wer sich der Geschichte nicht erinnert,
ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.

George Santayana

Vergangenes will aufgearbeitet sein. Nicht um seiner selbst willen, sondern um aus den Fehlern anderer zu lernen und zu verhüten, in die gleiche Situation zu kommen. Was in Deutschland zwischen 1933 und 1945 geschah, ist vielen bis heute unvorstellbar. Kein Wunder also, daß es einigen schwerfällt, sich zu erinnern. Viele von ihnen haben mitgemacht oder auch nur geschwiegen.

Vergangenheit ist nicht losgelöst von der Gegenwart; sie beeinflußt auch die Nachkommen im Denken und Handeln, selbst in der Gegenwart. Ich bin der Ansicht, daß auch in unserer Zeit die nationalsozialistische Vergangenheit weiter mit am Tisch sitzen wird. Wie heißt es doch in dem Text von Elena Griepentrog „Von den Spätfolgen des Zweiten Weltkriegs“:

Der Zweite Weltkrieg liegt weit über 60 Jahre zurück. Doch er ist nicht verschwunden. Wie die Forschung heute weiß, lebt er weiter. In den Seelen deren, die ihn miterlebt haben, aber auch in vielen Seelen der Nachgeborenen.

Im 2. Buch Mose steht „Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, bis in die dritte und vierte Generation.“ Ein Gedanke, den auch die Wissenschaft als sehr realistisch ansieht.

Nur wie kann man den Kreislauf durchbrechen? Das ist die entscheidende Frage! Ich sage mittlerweile aus meinem eigenen Erleben, dass man der Geschichte auf den Grund gehen muss, um zu wissen, was man wissen kann. Das ist der erste Schritt.

Der zweite ist zu begreifen, dass diese grauenhafte Geschichte bei denen, die zu Tätern wurden, ganz, ganz klein anfing. Viele merkten einfach nicht, dass sie mit etwas agierten, sich auf etwas einließen, das sie irgendwann nicht mehr beherrschten konnten, weil sie selbst dazu wurden, ein Teil davon wurden.

Der dritte Schritt ist zu verstehen, dass das nicht nur geistige Spuren in den Menschen hinterlässt, sondern konkrete körperliche Spuren entstehen können, Spuren, die die wieder an deren  Kinder und die wieder an die eigenen Kinder weitergeben. Dass das so ist, wissen wie wir heute dank der Forschung auf dem Gebiet der Epigenetik.

Ich habe nicht nur teilweise die Ideologie meiner Eltern übernommen, ich habe möglicherweise auch körperlich darauf reagiert – und das vielleicht auch an meine Kinder weitergegeben. Um das zu beenden stelle ich mich dem. Doch ohne Zorn und Eifer.

Aber mit Beharrlichkeit, bereit, die sichtbar werdenden Konsequenzen anzunehmen.